Wolfgang Kohlhaase

Portrait

Wolfgang Kohlhaase
Petr Novák, Wikipedia, CC BY-SA 3.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0>, via Wikimedia Commons

„Leute, die die Geschichte dieses Abschieds von innen erzählen, kommen zu anderen Geschichten als die, die über den Zaun gucken und das von außen erzählen.“ Wolfgang Kohlhaase wusste 2017, wovon er hier im Deutschlandfunk spricht. Der Drehbuchautor hat die DDR von Anfang bis Ende „von innen“ erlebt. Und „erzählen“ kann er so gut, dass ihn MDR Kultur 2020 als einen „legendären Drehbuchautor“ bezeichnete. Auch für Heinz-Peter Preußer (2020: 64) ist Kohlhaase einer der „wichtigsten Drehbuchautoren der DDR“ und im wiedervereinigten Deutschland.

Wolfgang Kohlhaase wurde am 13. März 1931 in Berlin geboren. Der Sohn eines Maschinenschlossers und einer Hausfrau besuchte die Volks- und Mittelschule in Adlershof. Seine Leidenschaft für das Schreiben lebte er zuerst als Redakteur für die Jugendblätter Start und Junge Welt aus. 1950 begann dann eine Karriere bei der DEFA. Kohlhaase 2020: „Es hat alles mit diesem Kriegsende zu tun. Dass man an Türen klopfte, vor die man eigentlich nicht gehörte. Aber die Tür ging auf und man wurde reingelassen.“ Nach zwei Jahren als Assistent in der Dramaturgie begann er, eigene Drehbücher zu verfassen und war auch als Schriftsteller tätig. Die Jahre nach dem Krieg waren für den jungen Kohlhaase eine Zeit des Aufbruchs, wie er später Marius Emsel vom MDR erzählte: „Hier hörte nichts auf, hier fing etwas an. Es war die Verwandlung der Welt. Und es tauchten Filme auf, die ich vorher nicht für möglich gehalten hätte. Russen, Amerikaner, Engländer, Franzosen und vor allem die Italiener – die Neorealisten: Deren Nähe zur Wirklichkeit hat mich beeindruckt. In solchen Filmen konnte man erleben, was sich an den Ecken abspielte, die so aussahen wie die, wo ich wohnte.“ Für diese „Wirklichkeit“ wurde Kohlhaase berühmt. Ines Walk von der DEFA-Stiftung: „Die Drehbücher von Wolfgang Kohlhaase zeichnen sich durch Lebensnähe aus. Der Autor beobachtet genau, zeigt in den gelungensten Fällen ungeschminkte, authentische Wirklichkeiten.“

1957 gelang ihm solche eine „lebensnahe“ Darstellung mit dem Skript zu Berlin – Ecke Schönhauser.... Der Film von Regisseur Gerhard Klein wurde ein Publikumserfolg und hätte laut Matteo Galli (2020: 33) gute Chancen, den Top-Five „der DEFA-Filme“ aufzutauchen. Im Der Film über eine unzufriedene Jugend war dabei durchaus systemkritisch. Galli (2020: 33, 38f.) nennt zwei übergeordnete Motive: Zum einen die „Rebellion gegen eine im Endeffekt vaterlose Gesellschaft, in der der Volkspolizist die einzige väterliche, positiv konnotierte Figur stellt“, zum anderen die „übertriebene Einmischung der Partei und der offiziellen Institutionen ins Privatleben der jungen Menschen.“ Doch auch das andere politische Lager werde hart angegangen: Die westliche Gesellschaft habe einen „negativen, ja verbrecherischen Einfluss“ auf die Jugendlichen. In der BRD dieser Film trotz mehrmaliger Prüfung verboten (vgl. Kötzing 2008). 

Auch in der DDR ging es für Wolfgang Kohlhaase nicht ganz so gut weiter. Der Film Berlin um die Ecke (1966) wurde noch vor der Fertigstellung verboten (Galli 2020: 42). Kohlhaase erklärte die Zensurwelle Mitte der 1960er Jahre im MDR so: „Die Politik war an der Wirklichkeit interessiert. Und das Kino war es auch. Wenn sich die Filmbilder mit den Wunschbildern der Politik stießen, gab es Konflikte. (…) Die törichte Omnipotenz der Politik warf einen langen Schatten auf die Kunst und auch auf das Kino.“

Kohlhaase setzte seine Karriere trotzdem fort und schuf mit bekannten Regisseuren einige der prägendsten Werke der DDR-Geschichte: mit Frank Beyer Der Aufenthalt (1982) und Der Bruch (1989) und mit Konrad Wolf Ich war Neunzehn (1968), Der nackte Mann auf dem Sportplatz (1974) und Solo Sunny (1980). Dieser Film gewann 1980 bei der Berlinale den Filmkritikerpreis. Krößner bekam für ihre „Sunny“ einen Silbernen Bären. Diese Anerkennung aus der BRD hatte für den Film – trotz der „subtilen Kritik“ an der DDR, wie Andreas Plattenhaus in der FAZ schrieb – auch im Osten eine positive Wirkung: „So konnte das bereits vernehmbar grummelnde Kulturministerium in Ost-Berlin nichts mehr machen: Solo Sunny blieb als Erfolgsnachweis sozialistischer Kinopolitik auf den Leinwänden der DDR und wurde zu einem Kultfilm, wie es seit Heiner Carows Legende von Paul und Paula (1973) keinen mehr gegeben hatte – und bis 1989 auch keinen mehr geben sollte.“

MDR Kultur sagte Wolfgang Kohlhaase, mit gemischten Gefühlen auf die DEFA zurückzublicken: „In der DEFA gab es produktivere Zeiten, wie man weiß. Und es gab auch immer mal den Stillstand und die Bedenklichkeit.“ Es sei keineswegs üblich gewesen, dass komplette Filme verboten worden wären. Dennoch: „Die DDR hatte immer ein Problem, ihre eigenen Angelegenheiten öffentlich zu machen, sie auch zur Debatte zu stellen, sie als kontrovers zu verstehen. Und insofern hat das die Filmproduktion die ganzen Jahre und Jahrzehnte über begleitet.“ Er sei der DEFA dankbar, dass sie ihn „in dieser Art von Nähe zu Kinos und zu Menschen gebracht“ habe. In einem anderen MDR-Interview hob er die Professionalität hervor. Das DEFA-Erbe seien „ein paar haltbare Filme, Zeugnisse eines kleinen Landes und der Leute, die in ihm lebten, mit einer Utopie, die sich verbraucht hat.“

Auch Kohlhaases Sicht auf die DDR ist differenziert, was den Erfolg seiner Drehbücher nach der Wende erklären könnte. Im Jahr 2000 sagte er in der Süddeutschen Zeitung: „Vierzig Jahre sind eben vierzig Jahre. Und bei allen Konflikten, die es gab, bei allen Vorbehalten, hatten die Leute ja alles in allen ein lebenswertes Leben gehabt. Sie waren jung, sind in die Schule gegangen, haben sich verliebt, haben Familien gegründet… Natürlich immer vor dem offenen Schaufenster der großen Welt, in die sie nie kommen konnten.“ Kohlhaase beklagte hier den Mangel an Ideen, den Wechsel von einem „Wir- zu einem Ich-Bewusstsein“ Mitte der 1960er Jahre und die Stagnation Mitte der 1980er Jahre, kritisierte aber auch den Wiedervereinigungsprozess: „Selbst Leute, die sich verändern, die die Zustände nicht hinnehmen wollten, hatten nicht das Modell der Bundesrepublik vor Augen“ (Göttler 2000). Im MDR sagte er fast zwei Jahrzehnte später, dass es auch für ihn persönlich zunächst schwierig gewesen sei. Er habe sich in einer Krise befunden, ausgelöst durch die Veränderung seiner Lebenswelt und die kommerzielle Ausrichtung des Films in der BRD.

Im Gegensatz zu vielen anderen ostdeutschen Filmakteuren ging Kohlhaases Karriere nicht mit dem Mauerfall zu Ende. Er arbeitete 1997 nochmals mit Frank Beyer zusammen (Der Hauptmann von Köpenick). 2000 folgte mit Volker Schlöndorff Die Stille nach dem Schuss (2000). Besonders fruchtbar war die Kooperation mit Andreas Dresen: Sommer vorm Balkon (2005), Whisky mit Wodka (2009) und Als wir träumten (2015). 2017 schrieb Kohlhaase das Drehbuch für In Zeiten des abnehmenden Lichts (2017) von Matti Geschonneck.

Wolfgang Kohlhaase wurde gleich zweimal für sein Lebenswerk ausgezeichnet. 2010 bekam er den „Goldenen Ehrenbär“. In der Pressemitteilung der Berlinale wurde vor allem auf seine Verdienste für die DEFA verwiesen. 2011 folgte ein „Ehrenpreis für herausragende Verdienste um den deutschen Film“. Iris Berben, Vorsitzende der Jury: „Wir zeichnen einen Mann aus, der auf beiden deutschen Seiten Filmgeschichte und -geschichten geschrieben hat. Kluge, lakonische, lebensnahe, komische und manchmal bittere Beschreibungen des Alltags. Es scheint, dass Regisseure und Schauspieler dabei immer seine Komplizen sind. Und so kann man nur gewinnen.“

Zwischen 1989 und 2020 hat Kohlhaase an mehr als einem Dutzend Filmen mitgearbeitet. Beim Blick auf Regisseure und Themen wird deutlich: Auch nach der Wiedervereinigung widmete er sich immer wieder Berlin, der DDR und der Nachwendezeit. Ruft man sich die oben erwähnten Aussagen ins Gedächtnis, hängt das wahrscheinlich zum einen damit zusammen, dass sich der Drehbuchautor in seinem kreativen Prozess der Wirklichkeit seiner Lebenswelt bedient. Im Deutschlandfunk sagte er 2017 zur Premiere von In Zeiten des abnehmenden Lichts: „Und einmal am Ende wird ein Satz gesagt in unserem Film, nämlich die Frage: Haben wir alles verdorben? Aber diese Frage kann man auch nach vorne stellen. Nicht, haben wir irgendwann, und speziell im östlichen Teil Europas alles verdorben, sondern, sind wir im Begriff, alles zu verderben? Es geht ja immer weiter. Und wie groß sind die Risiken? Wachsen die Konflikte schneller als die Ideen, wie man ihnen beikommen könnte?“ Wenn der letzte Moment „im Film was taugt, dann ist er nach seinem letzten Bild nicht aus, sondern er beendet seine Geschichte und er eröffnet eine große Frage. So sollte es sein, wenn man es hinkriegt.“

Literatur

Matteo Galli: Berlin, offene Stadt: Berlin – Ecke Schönhauser . . . (1957). In: Dominik Orth, Heinz-Peter Preußer (Hrsg.): Mauerschau – Die DDR als Film. Beiträge zur Historisierung eines verschwundenen Staates. Berlin: Walter de Gruyter 2020, S. 33-47

Fritz Göttler: Das Tor war nie offen. Volker Schlöndorff und Wolfgang Kohlhaase über Kartoffeln, Ideen und Terroristinnen. In: Süddeutsche Zeitung vom 14. September 2000, S. 18

Andreas Kötzing: Zensur von DEFA-Filmen in der Bundesrepublik: Berlin – Ecke Schönhauser. In: Bundeszentrale für politische Bildung, 18. Dezember 2008

Empfohlene Zitierweise

Wolfgang Kohlhaase. In: Daria Gordeeva, Michael Meyen (Hrsg.): DDR im Film 2022, https://ddr-im-film.de/de/akteur/kohlhaase