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Hannes Hubach/X Verleih AG

In Zeiten des abnehmenden Lichts

Kurzinformationen

Filmdaten

Titel
In Zeiten des abnehmenden Lichts
Erscheinungsjahr
2017
Produktionsland
Originalsprachen
Länge
101 Minuten

Kurzbeschreibung

In Zeiten des abnehmenden Lichts erzählt über den Zusammenbruch einer ostdeutschen Viergenerationenfamilie im Frühherbst 1989 und spiegelt die DDR-Gesellschaft kurz vor ihrem Ende.

Schlagworte

Schauplatz
Ereignisse

Entstehungskontext

Beteiligte

Regie
Matti Geschonneck
Lars Kaphengst/X Verleih AG

Nach dem TV-Drama Die Nachrichten (2005) und der Tragikomödie Boxhagener Platz (2010) ist In Zeiten des abnehmenden Lichts der dritte Film, in dem sich der 1952 in Potsdam geborene Regisseur Matti Geschonneck mit der DDR beschäftigt. In einem Interview für das DRESDNER Kulturmagazin sagt der Regisseur: „Eugen Ruges Geschichte hat mich sehr berührt, auch weil ich aus einer Familie komme, die bei aller Zerrissenheit in einer engen Beziehung zu dieser Geschichte stand. Ich bin selbst in der DDR groß geworden und habe in der Sowjetunion studiert. Die Figuren im Roman kamen mir sehr vertraut vor.“ Ferner gesteht er, dass der Hauptprotagonist Wilhelm Powileit „eine große Seelenverwandtschaft“ mit seinem Vater Erwin Geschonneck aufweise, einem Kommunisten, KZ-Überlebenden und „DEFA-Filmstar der ersten Reihe“ (Gunnar Decker, Neues Deutschland): „Von ihrer Wesensstruktur, ihrer politischen Überzeugung sind die beiden verwandt“.

Drehbuch

Auch für Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase (Jahrgang 1931), der 40 Jahre DDR erlebte, ist der Film nicht die erste Auseinandersetzung mit der DDR-Thematik. In Zusammenarbeit mit Andreas Dresen verfilmte er Als wir träumten, den Bestseller von Clemens Meyer (2015). Die Besonderheit des Blicks auf die DDR von „innen“ beschreibt Kohlhaase im Deutschlandfunk: „Leute, die die Geschichte dieses Abschieds von innen erzählen, kommen zu anderen Geschichten, als die, die über den Zaun gucken und das von außen erzählen.“

Vorlage

In Zeiten des abnehmenden Lichts beruht auf dem gleichnamigen Roman von Eugen Ruge, Sohn des DDR-Historikers Wolfgang Ruge, der sechs Jahre vor der Filmpremiere den deutschen Buchpreis gewann und mit den Buddenbrooks verglichen wurde. Während die literarische Vorlage mehrere Jahrzehnte behandelt und die Schauplätze dort zwischen Mexiko, der Sowjetunion und der DDR wechseln, verdichtet die Verfilmung die Handlung auf einen einzigen Tag, an dem alle Themen und politische sowie persönliche Konflikte ihren dramatischen Höhepunkt erreichen.

Produktion

Produziert wurde der Film von der Berliner Firma MOOVIE in Koproduktion mit dem ZDF. „Kleine Firma, große Filme“, sagt die MOOVIE-Geschäftsführerin Sarah Kirkegaard in einem Interview mit Blickpunkt:Film. Obwohl sich der Erfolg von MOOVIE laut eigenen Angaben „im enormen Produktionsvolumen der letzten Jahre“ verdeutliche, stehe der Name des aus München stammenden, mehrfach ausgezeichneten Produzenten Oliver Berben (Jahrgang 1971) laut epd Film für „Masse statt Klasse“. In Zeiten des abnehmenden Lichts zählt zu den erfolgreichsten Projekten der Firma und ist nicht die einzige MOOVIE-Produktion mit DDR-Thematik: Im Herbst 2019 feierte der historische Spionagethriller Wendezeit TV-Premiere.

Finanzierung

Die Produktion und der Verleih wurden unter anderem mit öffentlichen Mitteln gefördert. Mindestens 1,8 Millionen Euro wurden zur Verfügung gestellt.

Produktionsförderung (2016)
Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) 500.000 €
Deutscher Filmförderfonds (DFF) 580.000 €
Medienboard Berlin-Brandenburg 400.000 €
FilmFernsehFonds Bayern (FFF Bayern) 100.000 € (Erfolgsdarlehen 150.000 €)
Verleihförderung (2017)  
Filmförderungsanstalt (FFA) 80.000 €
Medienboard Berlin-Brandenburg 50.000 €
FilmFernsehFonds Bayern (FFF Bayern) 40.000 € + 3.000 € (Vertriebszuschuss)
Weitere Förderentscheidungen (2018)  
Filmförderungsanstalt (FFA) 77.504,33 € (Referenzfilmförderung)
Filmförderungsanstalt (FFA) 25.091,24 € (Referenzverleihförderung)

 

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Hannes Hubach/X Verleih AG

Vorfeld der Berlinale-Premiere und des bundesweiten Kinostarts veröffentlichte die X Verleih AG, die sich selbst als „ein führender und prägender Filmverleih für anspruchsvolles Unterhaltungskino“ bezeichnet, das Begleitmaterial zum Film: einen Trailer, eine Fotostrecke, eine Pressemappe. Auch eine Facebook-Seite wurde erstellt. Auf dem Kinoplakat sonnt sich der grünlich angeleuchtete Wilhelm Powileit mit getönter Brille in einer Badewanne – dieses Motiv (eine Einstellung aus dem Film) mag symbolisch für Powileits Blindheit gegenüber der politischen Krise stehen. Der Filmverleih gab umfassende filmpädagogische Begleitmaterialien heraus, die Anregungen für den Einsatz im Schulunterricht und Anknüpfungspunkte für die Fächer Deutsch, Sozialkunde, Geschichte und Kunst geben. „Eine inhaltliche Auseinandersetzung ist dabei ebenso wichtig wie eine Beschäftigung mit der filmischen Gestaltung, durch die die Wahrnehmung sensibilisiert werden soll.“

Filminhalt

Handlung

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Hannes Hubach/X Verleih AG

Die Genossen gratulieren Wilhelm

Die Tragikomödie spielt in Berlin, es ist Frühherbst 1989. Wilhelm Powileit, ein linientreuer SED-Funktionär, feiert in seiner Villa den 90. Geburtstag. Nacheinander kommen Gratulanten: Verwandte, Bekannte, Nachbarn, Pioniere, Genossen. Der Jubilar begrüßt sie überwiegend mürrisch und gelangweilt. Ein Regierungsvertreter überreicht ihm den Orden „Stern der Völkerfreundschaft“ in Gold. Dann bricht der Buffettisch zusammen. Nur Wilhelms Enkel Sascha wusste, wie man ihn richtig aufstellt. Doch dieser Gast erscheint nicht: Sascha ist am Vortag in den Westen geflohen. Diese Nachricht schlägt ein wie eine Bombe. „Wer die Kinder verliert, verliert die Zukunft“, sagt Saschas Mutter. Noch am gleichen Abend stirbt Wilhelm. Bald wird auch die DDR Vergangenheit sein. Die Geschichte wird dem Genre der Tragikomödie gerecht: „Dem Regisseur Matti Geschonnek [sic!] gelingt es dabei, den melancholischen Grundton, den schon der Filmtitel anstimmt, durch leisen Humor und sparsame Situationskomik auszubalancieren“ (Reinhard Kleber in Vision Kino 2017).

Zentrale Figuren

WILHELM POWILEIT (Bruno Ganz)
Hannes Hubach/X Verleih AG
Wilhelm Powileit (Bruno Ganz)

Wilhelm Powileit (Bruno Ganz) – 90-jähriger „Patriarch der Familie“, treuer DDR-Funktionär, alter Klassenkämpfer und bekennender Stalinist, der für seinen lebenslangen Dienst in der Partei mit dem Orden „Stern der Völkerfreundschaft“ geehrt wird. Er will nicht einsehen, dass Stalin ein Verbrecher war und hängt am Ideal einer besseren sozialistischen Gesellschaft. Dennoch sieht er, dass die DDR zu zerfallen droht.

Charlotte Powileit (Hildegard Schmahl) – Wilhelms Ehefrau, die zeitlebens auf seiner Seite stand. Seinetwegen ließ sie sich trotz zweier minderjähriger Kinder scheiden, wurde Kommunistin und stellte ihre eigenen beruflichen Möglichkeiten zurück. Doch die „Gewohnheitsehe“ macht die Powileits längst nicht mehr glücklich: Nach 50 gemeinsamen Jahren verachten sie einander. Wilhelm unterstellt seiner Frau, ihn vergiften zu wollen. Charlotte „hätte gerne ein anderes Leben gehabt“, gesteht sie ihrer Freundin.

Kurt Umnitzer (Sylvestern Groth) mit seiner Frau Irina (Evgenia Dodina)
Hannes Hubach/X Verleih AG
Kurt (Sylvester Groth) und Irina Umnitzer (Evgenia Dodina)

Kurt Umnitzer (Sylvester Groth) – der Sohn von Charlotte, Wilhelms Stiefsohn, anerkannter Geschichtsprofessor. Ein zweifelnder Opportunist, der einen privilegierten Lebensstil führt (was man an seinen Wohnverhältnissen sieht). Als junger Mann war Kurt zehn Jahre in einem Gulag in Ural. Dort wurde sein Bruder ermordet. Und dort lernt er seine Frau Irina kennen. Mit der Schwiegermutter geht das Paar nach Kurts Freilassung in die DDR. Im Lager hat Kurt gelernt, sich mit jedem System zu arrangieren. Sein Sohn Sascha spricht von einer lebenslangen Lüge.

Irina Umnitzer (Evgenia Dodina) – die Ehefrau von Kurt, eine „sowjetisch programmierte“ Russin mit einem traurig-trüben Blick, die nie in der DDR angekommen ist und an ihrem Heimweh zerbricht. Weglaufen ist für sie jedoch kein Ausweg. Sie trinkt und stirbt an dieser Sucht. In der Ehe ohne „Zärtlichkeit“ ist sie nicht glücklich, zumal Kurt sie mit ihrer Freundin betrügt.

Sascha Umnitzer (Alexander Fehling) – der 32-jährige Sohn von Kurt und Irina. Er brach seine Promotion ab, besetzte illegal eine Wohnung in Berlin und beging anschließend „Republikflucht“. Im Unterschied zu anderen Figuren ist er kaum in politischen, beruflichen oder persönlichen Beziehungen gebunden (sogar seine Frau und seinen achtjährigen Sohn lässt er zurück) und der DDR-Realität entfremdet: „Ich will nicht mein Leben lang lügen müssen“.

Gesellschaftsbild

In Zeiten des abnehmenden Lichts zeigt eine DDR, die buchstäblich am Ende ist (nicht nur weil die Handlung im Herbst 1989 spielt) – ein Land in Agonie, in Ritualen erstarrt, heruntergekommen, unwirtlich, perspektivlos. Diese DDR ist offensichtlich zum Scheitern verurteilt, weil die Jugend angesichts des „Ideenmangels“ wegläuft und das Land nur noch von Hardlinern wie Wilhelm und Opportunisten wie Kurt zusammengehalten wird. Niemand ist mit seinem Leben zufrieden, weder beruflich noch privat. Es gibt keine Gefühle und keine Zärtlichkeit, selbst zwischen Ehepartnern oder Eltern und Kindern nicht. Alle Familien sind zerstritten und alle Ehen unglücklich (die Powileits verachten sich gegenseitig, Kurt hat eine Affäre mit Vera, Sascha flieht nach „drüben“ und lässt seine Frau und einen Sohn zurück). Wer Gefühle oder Zuneigung haben möchte, muss dafür bezahlen (Kurt Umnitzer für ein Lächeln seines Sohns, Wilhelm Powileit für einen Moment am Busen seiner Haushälterin).

Diese DDR ist in jeder Hinsicht weit weg von der kommunistischen Utopie. Die Jugend glaubt nicht mehr an die Ideale der Väter und Großväter. Es gibt Missgunst (selbst vor der Toilette) und klare Hierarchien (eine Haushälterin, die die Herrschaft am besten siezen soll, und einen Türhalter für den Parteifunktionär). Auch die Gleichberechtigung war nur ein Mythos (Charlotte stellte ihre Karrierewünsche zugunsten Wilhelms zurück). Man spricht nicht miteinander, schon gar nicht über die politischen und wirtschaftlichen Probleme des Landes (auch nicht über die Ereignisse in Ungarn, Tschechien und Polen). Zu privaten Fragen wird sich nur im kleinsten Kreis ausgetauscht, außerhalb der Hörweite der anderen (im „kleinen Mexiko“ oder im Garten).

Schuld sind die Kommunisten. In der Lesart von Matti Geschonneck fußt die DDR auf einer doppelten Verdrängung – auf dem Schweigen über die eigene Beteiligung an den NS-Verbrechen und (noch wichtiger) auf dem Schweigen über die Verbrechen Stalins gegen die sowjetische Bevölkerung und Kommunisten aus aller Welt. Die ältere Generation ist nicht bereit, ihre Fehler einzusehen oder auch nur darüber zu sprechen, nicht zuletzt, weil sie ihr Leben lang der Partei und dem Staat gedient haben. Die „mittlere“ Generation ist dagegen ernüchtert, hat sich aber mit dem System arrangiert und kann nur traurig feststellen: „Die Welt ist Scheiße“. So werden die Alten am Ende die DDR und das kommunistische Ideal in den Abgrund stürzen – im Kleinen (Wilhelm) wie im Großen (der Kreml in Moskau, der einen 78-Jährigen von einem 79-Jährigen ersetzen lässt).

Ästhetik und Gestaltung

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Hannes Hubach/X Verleih AG

Der zerbrochene Tisch

Auffällig ist der kammerspielartige Charakter der Inszenierung: Die Handlung spielt zum Großteil in der düsteren Powileit-Villa, wo sich alle Figuren (außer Sascha) zur Geburtstagsfeier treffen. Es gibt kaum Action und fast keine Musik, außer im Prolog und im Epilog sowie viermal in der Mitte: als Irina Wladimir Wyssozki und Charlotte Carlos Gardel hört und als Pioniere „Partisanen von Amur“ singen, die Oma ein russisches Kinderlied und Wilhelm „Suliko“, das Lieblingslied von Stalin. „Keine Filmmusik überdeckt die Geräusche beim Treppensteigen, Schranköffnen, Geschirrklirren in einem Haus, das ebenso ein Akteur der Handlung ist“, schreibt Michael Suckow (Freitag) treffend. Vor allem sind es Blicke, Gesten, Rituale und Dialoge, die für Spannung sorgen, während sich das Setting äußerlich, so Michael Suckow (Freitag), „als das verlegene, gelangweilte, heuchlerische Herumstehen von Leuten auf einem steifen Jubiläumsempfang“ zeige. Zweimal taucht im Film ein Erzähler (die Stimme von Sylvester Groth aus dem Off) auf. Zunächst wird in einem kurzen Prolog der Filmtitel erklärt: Die „Zeit des abnehmenden Lichts“ – so bezeichnen die Bewohner von Slawa den anfangenden Herbst – steht symbolisch für das Endstadium der DDR, als „die Ideen knapp“ wurden und die Familie und das Land allmählich in die Brüche gingen. Der Film endet dort, wo er angefangen hat: in Slawa. Sylvester Groth, zwei Jahre später: „Wir hatten die Fähigkeit zu glauben. Wir glaubten, dass das, was wir wollten, auch so werden würde, wie wir es wollten. Haben wir alles verdorben?“

Authentizität

Strategien der Authentizitätskonstruktion

Die Tragikomödie von Matti Geschonneck erhebt keinen Anspruch, „auf einer wahren Begebenheit“ zu basieren. Dennoch bemüht sie sich um eine möglichst präzise Vermittlung des Stimmungsbildes vom Herbst 1989. Gedreht wurde der Film in Berlin (Prenzlauer Berg) und in Potsdam-Babelsberg – an Schauplätzen, die tatsächlich wie der Berliner Osten von 1989 aussehen. Auch Requisiten wie Zeitungsausschnitte, Neues Deutschland-Ausgaben, Wandbilder, der klapprige „Nazi-Tisch“, Geschirr, Kostüme und Orden kreieren einen authentischen Look der Vergangenheit.

Außerfilmische Authentizitätsstrategien lassen sich kaum identifizieren. Während „westdeutsche“ Regisseure stark auf Making-Ofs, Hintergrundinformationen und authentizitätsbeglaubigende Aussagen von Zeitzeugen und anderen „Erinnerungsautoritäten“ setzen, scheint für Matti Geschonneck und Wolfgang Kohlhaase ein Hinweis auf ihre ostdeutsche Herkunft in filmbegleitenden Diskussionen auszureichen. Auch die DDR-Sozialisation von Eugen Ruge spielt eine Rolle, wenn der Film mit seiner literarischen Vorlage verglichen wird. So zieht Geschonneck in einem taz-Interview eine Parallele zwischen den „filmischen Familien“ und der des Romanautors und verleiht den Figuren somit noch mehr Relevanz und Glaubwürdigkeit: „Die Familiengeschichte der ‚Powileits‘ und ‚Umnitzers‘ ist an die tatsächliche Biografie von Ruges Familie angelehnt. Diese war sehr durch ihre Beziehung zur Sowjetunion bestimmt. Während der Zeit des Nationalsozialismus emigrierten deutsche Kommunisten, wie die Powileits, nach Mexiko. Andere, wie Kurt Umnitzer und sein Bruder, fanden sich in Arbeitslagern wieder, weitab im Ural.“

Rezeption

Reichweite

Seine Weltpremiere feierte Geschonnecks Film im Rahmen der Berlinale am 16. Februar 2017. Am 2. Mai eröffnete die Romanverfilmung das Filmkunstfest Mecklenburg-Vorpommern. Am 1. Juni kam In Zeiten des abnehmenden Lichts in rund 130 Kinos bundesweit, wo der Film allerdings keine besonders hohen Zuschauerzahlen verzeichnete – mit 205.302 verkauften Tickets stand er laut insindekino.de lediglich auf Platz 112 der deutschen Kinocharts 2017. Im November desselben Jahres erschien Geschonnecks Film auf DVD und Blu-ray. Im Herbst wurde er im Rahmen von SchulKinoWochen in Berlin und Weimar gezeigt.

Rezensionen

„Der andere Untergang“, titelt Matthias Dell (Spiegel Online). Mit der Romanverfilmung gelinge Matti Geschonneck etwas Außergewöhnliches, teasert der Kritiker. Das Besondere an dem Film bestehe vor allem darin, dass er ein DDR-Bild zeichne, das man selten im westlichen „Siegerdiskurs“ vorfindet: „So unaufgeregt verfallen, so lebendig vollgestellt, so schön undramatisch hat die DDR lange nicht ausgesehen. Wenn Geschonnecks Film auch vom Untergehen handelt, es stirbt sich in dieser Umgebung immerhin in Würde.“ Die Fotostrecke zum Film trägt den wagemutigen Titel „DDR einmal richtig verfilmt“.

Die „andere“ DDR-Darstellung sei auch für Adam Soboczynski (Die Zeit) ein großer Verdienst der Filmemacher: „Ein nachrangiger Vertreter des Ministerrats der DDR verleiht Powileit den Stern der Völkerfreundschaft in Gold, und es ist das kleine Wunder dieses so detailversessenen, traurigen, lustigen Films, dass allein diese steife, groteske und doch irgendwie würdevolle Szene nicht im typischen Klamauk und einfältigen Spott versinkt wie so viele filmische Aufarbeitungen der DDR-Zeit, die den billigen Weg der Persiflage beschreiten. […] Es gibt nicht so viele Filme, die den Osten mit seiner Steifheit, Verträumtheit, seinen Hoffnungen, seiner Sauffreude und leisem Humor glaubwürdig abgebildet haben. Dieser gehört definitiv dazu.“ Auch Elmar Krekeler (WELT) charakterisiert das DDR-Porträt im Film als „präzise und vollkommen ohne Ostalgie“. „Melancholie und Zorn“, lautet der Titel einer lobenden Filmrezension von Gunnar Decker (Neues Deutschland).

Weniger euphorisch reagiert Andreas Platthaus (F.A.Z.). Er vergleicht den Film mit seiner preisgekrönten literarischen Vorlage, kritisiert vor allem Streichungen, die Kohlhaase für das Drehbuch vorgenommen hat, und resümiert: „Zurück bleibt ein Kammer- und Jammerspiel, das nichts Irritierendes mehr hat. ‚Haben wir alles verdorben‘, lautet der letzte Satz des Films. Nicht alles, aber zu viel.“ Kohlhaases Blick auf die DDR bezeichnet Platthaus dennoch als „gewohnt präzise“. Die ironische Perspektive auf den untergehenden Staat mache der Drehbuchautor mit lakonischen Dialogen statt aufwendigen Szenen anschaulich. Was dem Filmkritiker fehlt: die Vielschichtigkeit von Ruges Romans, sein personeller und zeitlicher Reichtum sowie Mexiko als Kontrastfolie für das Leben in der DDR. Martina Knoben (Süddeutsche Zeitung) fokussiert in ihrer Rezension „die Misere der untergehenden DDR“ und „mächtige Gärungsprozesse“, die im Herbst 1989 im Gang waren. Die DDR bezeichnet die Kritikerin als ein „gescheitertes Gesellschaftsexperiment“.

Auszeichnungen

Bruno Ganz wurde für den Deutschen Filmpreis 2017 in der Kategorie „Beste männlich Hauptrolle“ nominiert. Außerdem stand der Film in der Vorauswahl für die Nominierung für den 30. Europäischen Filmpreis.

Erinnerungsdiskurs

In Zeiten des abnehmenden Lichts ist ein Film abseits von Ostalgie oder Gruselmärchen. Er versucht, die DDR in ihren Widersprüchen und Ambivalenzen zu zeigen, (fast) ohne Stasi, ohne Plattenbauten, ohne Trabis und ohne dramatische Fluchtgeschichten (Sascha Umnitzer ist „nicht geklettert oder geschwommen, das war ungefährlich“). Diese unaufgeregte DDR-Darstellung loben mehrere Filmkritiker. Jochen Kürten (Deutsche Welle) unterstreicht die herausragende Position des Films im (filmischen) DDR-Diskurs: „Stasi, Flucht und Verfolgung dominieren diese Geschichtsfilme nicht selten. Dass es auch anders geht, zeigt Regisseur Matti Geschonneck mit seiner satirischen Farce.“ Dass mit der Tragikomödie „keine Abrechnung mit dem System DDR“ intendiert war, bestätigt der Regisseur: „Er [der Film] versucht, auf eigene, subtile Weise über die besondere Zeit 1989 zu erzählen. Eine Ehe scheitert, eine Familie löst sich auf, ein System stirbt. […] Ich versuchte den Figuren, mit ihren sehr eigenen Ambivalenzen und der dunklen, vom Einfluss des Stalinismus geprägten Vergangenheit, mit Zuneigung zu begegnen“. Ins Zentrum der Erinnerung an die DDR rückt der Film zerrissene Charaktere mit ihren widersprüchlichen Biografien. Festzuhalten bleibt dennoch das düstere Gesellschaftsbild: Diese DDR ist ein zum Zusammenbruch verurteiltes Land ohne menschliche Nähe, Gefühle und Zärtlichkeit, ein Land, in dem niemand wirklich glücklich und mit seinem Leben zufrieden war und in dem persönliche Geschichten so eng mit der politischen Situation gekoppelt waren, dass sich mit dem Land auch die Familien auflösten.

Empfehlung

Empfehlung der Autorin

Matti Geschonneck und Wolfgang Kohlhaase brechen mit dem Hardcore-Diktatur-Narrativ und beweisen: Um die DDR in all ihrer Tragik und Widersprüchlichkeit zu erzählen, braucht es keine Stasi-Spitzel, Grenzpolizisten und Mauertoten. Wer auf die DDR durch die Brille ostdeutscher Filmemacher blicken möchte, sollte In Zeiten des abnehmenden Lichts auf die Watchlist setzen. Zahlreiche Referenzen auf die Sowjetunion, ihre Bürger, Kultur und politische Lage, deuten die Komplexität historischer Zusammenhänge an. Und wer von Sylvester Groth schwärmt, kommt an diesem Film sowieso nicht vorbei.

Empfohlene Zitierweise

In Zeiten des abnehmenden Lichts. In: Daria Gordeeva, Michael Meyen (Hrsg.): DDR im Film 2022, https://ddr-im-film.de/de/film/in-zeiten-des-abnehmenden-lichts