Nadja Uhl

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Klaus Mueller, CC BY 3.0 <https://creativecommons.org/licenses/by/3.0>, via Wikimedia Commons

Nadja Uhl wurde 1972 in Stralsund geboren und hat 1989 Abitur gemacht: „Wir waren Kinder der DDR, aber wir suchten verstärkt unsere Nischen, in denen wir uns dem System verweigern konnten – das waren beispielsweise Partys, Musik.“ (bild.de) Im Spiegel Panorama erinnert sie sich an eine schöne, unbeschwerte Kindheit – „bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich begriffen habe, dass es sehr unangenehm werden konnte, nicht in die Richtung zu denken, die vorgegeben war.“ Im Interview mit bild.de erzählt sie, dass sie als junge Frau gar nicht unbedingt in den Westen wollte, aber ihr mit der Zeit klar wurde, dass „Ideen oder Veränderungen, wie konstruktiv auch immer, vom Staat ignoriert wurden.“ Sie begriff: „Das ist nicht mein Land, das ist nicht das, was ich möchte. Dieser Entschluss war damals mit einer unglaublichen Traurigkeit verbunden.“

Der Mauerfall und die Zeit danach

Ein Mauerfall war für Nadja Uhl damals unvorstellbar. Mitbekommen davon hat sie am nächsten Morgen, als sie sich für die Schule fertig machen wollte: „Ich habe im alten Röhrenradio meines Opas plötzlich gehört, dass Champagnerkorken auf der Mauer knallen.“ (Focus Online) Daraufhin ist die 17-Jährige mit dem Bus nach Westberlin gefahren. „Davor ging es immer um die Frage: Wer aus meiner Familie verlässt noch das Land? Und plötzlich öffnete sich die Welt.“(bild.de) Im Spiegel Panorama beschreibt sie sich selbst als „Glückskind“ und sagt, dass sie sich trotz alledem gerne an die Zeit in ihrem Leben zurückerinnere.

Von 1990 bis 1994 absolvierte sie eine Schauspielausbildung an der Leipziger Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“. Während sie zunächst am Hans-Otto-Theater in Potsdam spielte, bevorzugte sie von 1995 an die Arbeit in Film und Fernsehen.

Nadja Uhl und die „DDR im Film“

2000 gelang Uhl der Durchbruch in Die Stille nach dem Schuss. Der Film handelt von der Aufnahme von RAF-Aussteigern in der DDR Anfang der 1980er Jahre, ihr Leben im DDR-Exil und ihre Enttarnung. Uhl spielt die Sozialarbeiterin Tatjana, die sich mit der Ex-Terroristin Susanne anfreundet. Als diese fliehen muss, weil ihre wahre Identität entdeckt wird, bleibt Tatjana zurück und wird für ihre Mitwisserschaft verhaftet. Für die Darstellung wurde sie bei der Berlinale 2000 als beste Darstellerin mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet (Süddeutsche Zeitung).

Neben Filmen wie Der Baader Meinhof Komplex (2008) und Mogadischu (2008), in denen ebenfalls die RAF behandelt wird, spielt sie in mehreren Filmen über die DDR mit. In dem ARD-Zweiteiler Der Turm (2012) geht es um Familie Hoffmann, die im Villenviertel Dresdens lebt und dem bildungsbürgerlichen Milieu angehört. Uhl spielt die Sekretärin des Vaters Richard, der Arzt ist und auf eine Beförderung zum Klinikchef hofft. Sie hat mit ihm eine Affäre und ein Kind. Die Stasi weiß Bescheid und erpresst ihn (BR.de). Mit ihrer Figur kann sich Uhl gut identifizieren: Ebenso wie ihre Figur wollte sie in der DDR frei sein und hatte die Sehnsucht, ihr Leben selbst zu gestalten. Im BUNTE-Interview erinnert sie sich an das Gefühl, die Welt entdecken zu wollen, aber es nicht zu dürfen: „Ich habe immer meinen eigenen Kopf gehabt und ausbrechen wollen aus Konventionen, aus den alles lähmenden politischen Floskeln.“ Im Interview mit dem Kölner-Stadt-Anzeiger gesteht sie, dass Der Turm bei ihr Kindheitserinnerungen auslöste: „Ich mache mir noch mal klar, dass ich meinen Beitrag in künstlerischer Form geleistet habe und mich nicht auch noch im Privatleben aufreiben kann.“ Für ihre Rolle erhielt sie 2013 den Bayrischen Fernsehpreis als „Beste Schauspielerin“ in der Kategorie Fernsehfilme.

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ZDF/Dusan Martincek, Lukás Zentel

Nadja Uhl in Tannbach (2015 - 2018)

In dem 2015 ausgestrahlten sechsteiligen ZDF-Fernsehfilm Tannbach – Schicksal eines Dorfes spielt Uhl die Schneiderin Liesbeth Erler. Die TV-Reihe thematisiert die Schicksale der Bewohner des Dorfes Tannbach, das nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in West und Ost geteilt wurde. Auch hier gibt es Parallelen zwischen Schauspielerin und Rolle. Uhl schrieb als Schülerin im Staatsbürgerkunde-Unterricht, „dass der Kommunismus eine schöne, aber unrealistische Utopie ist und die andere Seite des Menschen, das Dunkle, das Verführbare, total ignorierte“ (ZEITmagazin). Ihre Tannbach-Figur Liesbeth sagt ihrem Sohn, dass das kommunistische Ideal zur Hölle statt zum Himmel werden würde.

2019 war Uhl in dem ZDF-Dreiteiler Preis der Freiheit zu sehen, der mit dem Deutschen Fernsehpreis 2020 ausgezeichnet wurde. Der Film erzählt die Wendezeit aus einer neuen Perspektive und behandelt den wirtschaftlichen Niedergang sowie die engen Verflechtungen zwischen Ost und West (t-online.de). Produzentin Gabriela Sperl erzählt im Interview mit der Goldenen Kamera: „Wir zeigen, wie die Gesellschaft seit 1987 im Umbruch war. Das DDR Regime war am Rande der Zahlungsfähigkeit. (…) Während immer mehr Menschen für die Freiheit auf die Straße gingen, wussten die Mächtigen längst, es geht zu Ende.“ Das Ost-West-Drama handelt von dem Leben dreier Schwestern. Margot ist ranghohe Mitarbeiterin der „Kommerziellen Koordinierung“ und überzeugte Parteigängerin. Silvia wird für tot gehalten, arbeitet aber im Westen und kauft Häftlinge aus dem Osten frei. Nadja Uhl spielt die dritte Schwester, Buchhändlerin Lotte, eine alleinerziehende Mutter, die beginnt, das SED-Regime zu hinterfragen, und sich in der Umweltbewegung engagiert (prisma.de). Auch diese Rolle hat viel mit Uhls eigener Geschichte zu tun: Als ihr Onkel in den späten 1980er Jahren „aufgrund von Umweltaktivitäten, die in der DDR damals nicht willkommen waren“, in Bautzen inhaftiert wurde, fing ihre Familie an, das Regime zu hinterfragen, „sich an den politischen Umständen zu reiben und Systemkritik auszuüben.“ (ZEITmagazin) Zuvor schon hatten sie „kollektiven Widerstand im Kleinen“ geleistet: „Keiner von uns hat je für die Stasi gearbeitet, das ging nicht, da waren sich alle einig in der Familie.“ (chrismon.de) Uhl erzählt im Interview mit chrismon.de: „Dass da ein Staat über den weiteren Verlauf meines Lebens in engen Bahnen be­stimmen würde – diese Erkenntnis hat sich über Jahre hinweg in mir aufgebaut.“ Auf prisma.de unterstreicht Uhl die Aktualität des Films: „Alles schien bei den Dreharbeiten so real, so selbstverständlich, dass ich den Eindruck hatte, das ewige Spiel von Macht, Geld und Gier auf der einen und Liebe, Leben, Sehnen und Vergehen auf der anderen Seite ist vollkommen zeitlos.“

Uhl sieht in der Schauspielerei einen Weg, „um die Wunden der Kindheit aufzuarbeiten“ (chrismon.de). Im Interview mit dem ZEITmagazin sagt sie: „Ich liebe meine Wurzeln, ich liebe auch meine Heimat, die DDR, trotz allem. Die Wurzeln, die mir familiär mitgegeben wurden, haben mich im Leben wirklich gerettet. Sie haben mir den Mut gegeben, vermeintlich populäre Dinge infrage zu stellen, auch mal anders zu denken.“

Empfohlene Zitierweise

Nadja Uhl. In: Daria Gordeeva, Michael Meyen (Hrsg.): DDR im Film 2022, https://ddr-im-film.de/de/akteur/uhl