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ZDF/Stephanie Kulbach

Das System - Alles verstehen heißt alles verzeihen

Kurzinformationen

Filmdaten

Titel
Das System - Alles verstehen heißt alles verzeihen
Erscheinungsjahr
2011
Produktionsland
Originalsprachen
Länge
85 Minuten

Kurzbeschreibung

Ein Film über einen jungen Mann, der Jahre nach der Wiedervereinigung auf der Suche nach seinen DDR-Wurzeln immer tiefer in die Welt der Wirtschaftskriminalität eintaucht.

Schlagworte

Zeit
Schauplatz
Genre

Entstehungskontext

Beteiligte

Regie

Marc Bauder wurde 1974 in Stuttgart geboren und absolvierte ein BWL-Studium in Köln, St. Gallen und New York. 2001 bis 2004 folgte ein Regiestudium an der Hochschule für Film und Fernsehen Potsdam (heute Filmuniversität Babelsberg). Bereits 1999 gründete er mit Dörte Franke die Produktionsfirma bauderfilm, die auch an der Produktion von Das System beteiligt war. Das System ist zwar Bauders erste fiktionale Auseinandersetzung mit der DDR-Thematik, zuvor widmete er dieser aber bereits mehrere Dokumentarfilme. Keine verlorene Zeit (2000) dreht sich um einen Freundeskreis im Leipzig der 1970er Jahre, der ins Visier der Stasi gerät. Jeder schweigt von etwas anderem (2006) beschreibt die Biografien von Menschen, die in der DDR gelebt haben und aus Überlebensgründen über ihre Vergangenheit schweigen. Nach der Revolution (2010) fokussiert die Phase zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung und die Verhandlungen am „Zentralen Runden Tisch“. Bauder sagte dem 0381-Magazin, dass es ihm beim Film Das System wichtig gewesen sei, ein Problem der „Dritten Generation Ostdeutschland“ zu thematisieren. Diese Generation habe zwar die DDR nicht mehr wirklich miterlebt, sehe sich aber mit den wertlos gewordenen Lebensentwürfen der Eltern konfrontiert.

Drehbuch

Dörte Franke war an allen schon genannten Dokumentarfilmen mit DDR-Thematik von Bauder beteiligt. Sie wurde 1974 in Leipzig geboren und verbrachte ihre Kindheit in Ostdeutschland, bis ihre Eltern, die als Oppositionelle im Gefängnis saßen, von der BRD freigekauft wurden.  Franke studierte Politikwissenschaft, Germanistik und Geschichte in Köln und anschließend Dramaturgie an der Hochschule für Film und Fernsehen Potsdam. Von 2011 bis 2017 arbeitete sie gemeinsam mit Khyana el Bitar an mehreren Drehbüchern für öffentlich-rechtliche Produktionen. Khyana el Bitar wurde 1964 in Hannover geboren und studierte Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der Hochschule der Künste Berlin, absolvierte eine Schauspielausbildung und entschied sich 1993 für ein Regie- und Drehbuchstudium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb). Regisseur Bauder sagte dem 0381-Magazin, dass der Film Das System so eine ostdeutsche (Franke) und eine westdeutsche Perspektive (Bauder, Khyana el Bitar) zu einer gesamtdeutschen verweben konnte, auch wenn ihm persönlich die „Unterscheidung in Ost oder West nicht mehr so wichtig sei“.

Produktion

Für die Produktion waren die Brüder Alexander und Manuel Bickenbach verantwortlich, die 2006 die Produktionsfirma FRISBEEFILMS gründeten. Beide waren parallel am Film Wir wollten aufs Meer (2012) beteiligt, in dem zwei befreundete Werftarbeiter in Rostock von einer Zukunft als Matrosen bei der Handelsmarine träumen, sich jedoch aus Frustration von der Staatssicherheit anwerben lassen und zu Feinden werden. Der Film Das System wurde in Ko-Produktion mit dem Kleinen Fernsehspiel (Nachwuchsredaktion vom ZDF) und bauderfilm (Firma von Regisseur Bauder und Drehbuchautorin Franke) realisiert.

Finanzierung

Produktion und Verleih wurden mit öffentlichen Mitteln gefördert. Die Fördersumme belief sich auf rund 443.000 Euro.

Produktionsförderung

Medienboard Berlin-Brandenburg (2010)

200.000 Euro

Verleihförderung

Beauftragter der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) (2011)

10.000 Euro

Mitteldeutsche Medienförderung (2011)

25.000 Euro

Weitere Förderentscheidungen

 

Deutscher Filmförderfonds (2010)

208.320 Euro

Werbung

Das Filmplakat zeigt den Lobbyisten Konrad Böhm sowie Mike und seine Mutter Elke. Verbunden sind die Porträts mit netzwerkartigen Linien, die für die Pipelines in Europa und symbolisch für die Verstrickung von Wirtschaft und Politik stehen, die der Film aufgreift. Es gab einen Trailer, jedoch keine Bonus- oder Lehrmaterialien für Schulen.

Filminhalt

Handlung

Im Zentrum des Politthrillers Das System – Alles verstehen heißt alles verzeihen steht der 20-jährige Kleinkriminelle Mike, der in Rostock lebt, Joints dreht und Hehlerware sortiert. Durch Zufall trifft Mike auf den zwielichtigen Lobbyisten Böhm, der sich als alter Freund von Mikes verstorbenem Vater vorstellt. Böhm verführt Mike immer tiefer in eine (Wirtschafts-)Welt, die von Geld und Macht regiert wird. Er erzählt Mike etwas über die DDR-Vergangenheit seines Vaters, die seine Mutter immer verschwiegen hat. Als es um eine Erdgas-Pipeline durch Mecklenburg-Vorpommern geht, wird Mike zum Anzugträger, lernt, mit einer Waffe umzugehen, und taucht in einen Kreis ehemaliger Stasi-Funktionäre ein, die alte Akten als Druckmittel nutzen. Mike verschafft sich Zugang zum Archiv, erfährt Details über seine Eltern und muss feststellen, dass Böhm ihn missbraucht hat und Mitschuld am Tod seines Vaters trägt.

Zentrale Figuren

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ZDF/STEPHANIE KULBACH
Konrad Böhm (Bernhard Schütz, l.)
Mike Hiller (Jakob Matschenz, r.)

Mike Hiller (Jacob Matschenz) – ein junger Mann auf der Suche nach der Vergangenheit seiner Eltern. Einer, der einerseits Stress und Kummer mit Drogen, Partys und lauter Musik betäubt und andererseits furchtlos nach seinen Wurzeln gräbt. Mike versucht zu verstehen, was die Menschen in seinem Umfeld in der DDR angetrieben hat. Was ist damals „eigentlich schief gegangen mit den sozialistischen Idealen?“

Konrad Böhm (Bernhard Schütz) – ein Lobbyist, der alte Stasiakten missbraucht, um sich wirtschaftliche Vorteile zu erpressen. Ein Mann, dessen Leben von Macht und Geld bestimmt wird und der überzeugt ist, dass „der Westen ’89 gewonnen und am Osten verdient hat und sie (die DDR-Bürger) nun an der Reihe sind.“

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ZDF/MARGIT WILD
Elke Hiller (Jenny Schily)

Elke Hiller (Jenny Schily) – Mikes Mutter. Arbeitet in einem Hafenbistro und hofft auf einen Bankkredit. Eine Frau, die ihre Vergangenheit vergessen möchte und die Wende als Chance gesehen hat, etwas Neues aufzubauen. Die Verdrängung führt zur Alkoholsucht und zu Streit mit Mike.

Gesellschaftsbild

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ZDF/STEPHANIE KULBACH

Das System zeigt ein vereintes Deutschland, in dem Stasi-Akten noch immer Einfluss auf wichtige Entscheidungen haben. Die Vergangenheit ist noch lange nicht vorbei. Das Politische und das Private hängen so zusammen wie einst das System mit dem Familienleben. Ein Neuanfang ist erst möglich, wenn man der Geschichte ins Auge geblickt hat und mit sich selbst im Reinen ist. Das System sucht die Gründe für das Scheitern meist bei den DDR-Bürgern, folglich auf der individuellen Ebene, und spricht „das System“ Bundesrepublik damit frei. Das vereinigte Deutschland wird dabei aber keineswegs als Paradies gezeigt. Politik und Wirtschaft hängen eng zusammen und werden von der Gier nach Macht und Geld angetrieben. 

Der Lobbyist Böhm verkörpert Werte wie Korruption, Manipulation, Größenwahn und Neid. Zugleich zeigt der Film den Preis, den Böhm damals wie heute zahlen muss, um sich in der Welt der Wirtschaftskriminalität zu behaupten: der Verrat der engsten Vertrauten, permanentes Misstrauen und die Instrumentalisierung sämtlicher Beziehungen. Mike muss feststellen, dass es in jedem System Menschen wie Böhm gibt und folglich zwangsläufig auch Personen, die darunter leiden.

Ästhetik und Gestaltung

Die Farbgebung unterstreicht das Aufeinanderprallen zweier Welten. Während Mike und Elke in einer grauen Rostocker Plattenbausiedlung leben, schwelgt Böhm in schillerndem Luxus. Die Kamera hält markante Schauplätze wie das Hotel Neptun, Plattenbauten oder eine DDR-Kaderschmiede fest. Auch 2011 lebt die DDR nicht nur in ihren Bauwerken weiter. Der Blick über die Ostsee und einen nahezu unendlichen Horizont vermittelt dagegen immer wieder ein Gefühl von Freiheit und Ungezwungenheit. Bauder sagte in einem Interview, dass er bei seinen Filmen bewusst auf einen Erzähler verzichte, da es ihm wichtig sei, dem Publikum möglichst viele Perspektiven liefern zu können (Cohen-Pfister 2015: 190f.).

Authentizität

Strategien der Authentizitätskonstruktion

Zu Beginn des Films wird explizit darauf hingewiesen, dass Handlung, Figuren und Kontext erfunden sind. Bauder sagte in einem Interview (Dokumentarfilminitiative), dass er sich bewusst für eine Fiktionalisierung entschieden habe, um freier zu sein. Ein dokumentarisches Portrait über den Stasi-Agenten Matthias Warnig, seinerzeit Geschäftsführer von Nord-Stream, auf dessen Geschichte der Film basiere, hätte zwangsläufig zu einer Reduktion des Themas geführt und verhindert, die Frage nach den Folgen des Systemzusammenbruchs aus verschiedenen Blickwinkeln zu beleuchten.

Der Film ist trotzdem nah genug an der Wirklichkeit, um einen authentischen Eindruck zu erzeugen. Das System thematisiert den Bau der Nord Stream, eine Unterwasser-Gasleitung, die seit 2011 Erdgas von Russland durch die Ostsee nach Greifswald befördert. Neben Stasi-Seilschaften ging es bei der Recherche auch um dieses Projekt. Im Abspann gibt es Originalbilder: vom Bau der Pipeline, von Gerhard Schröder, der an der Bauentscheidung beteiligt war, sowie von der Eröffnung der Gasleitung im November 2011 mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und Russlands Präsident Dmitri Medwedew.

Weitere reale Orte mit historischer Bedeutung sind eine DDR-Kaderschmiede, die früher Sommersitz von Reichspropagandaminister Goebbels war, und das Hotel Neptun in Warnemünde. Regisseur Bauder sprach im 0381-Magazin auch über dieses Haus, das von Alexander Schalck-Golodkowski als Devisenbeschaffungshotel genutzt worden und Treffpunkt einflussreicher Politiker wie Willy Brandt, Uwe Barschel oder Fidel Castro gewesen sei – ein „Symbol des Schweigens“ über die Geschäftsbeziehungen zwischen Ost und West zu einer Zeit, in der sich „diese beiden Systeme (…) offiziell massiv bekämpft haben.“

Rezeption

Reichweite

Premiere hatte der Film beim Max Ophüls Festival Mitte Januar 2011 in Saarbrücken. Am 12. Januar 2012 startete Das System in den deutschen Kinos. Die Zuschauerzahlen sind online nicht abrufbar, dürften jedoch gering gewesen sein, da der Film nicht in den Charts von 2012 geführt ist. Als Teil der Reihe Totale Kontrolle – vier Filme über den Stasi-Komplex des Kleinen Fernsehspiels wurde der Film am 11. März 2013 im ZDF gezeigt. Zur Reihe gehörten außerdem die Dokumentarfilme Jeder schweigt von etwas anderem (2005), ebenfalls von Regisseur Bauder und Drehbuchautorin Franke, Feindberührung (2010) und Der irrationale Rest (2005). Seit Juli 2012 ist Das System als DVD erhältlich.

Rezensionen

Insgesamt gibt es wenig Rezensionen zu Das System. Die FAZ lobte den Film für seine Aufrichtigkeit und dafür, dass er den richtigen Ton treffe und auf manipulative Szenen verzichte. Stattdessen zeige Regisseur Bauder, wie „das Wühlen in den geheimen Hinterlassenschaften der DDR Menschen beschädigen, aber auch erlösen“ könne (Dath 2012). In der Berliner Zeitung wurde Das System als komplexer, gut recherchierter Politthriller beschrieben, „der die persönliche Geschichte einer Vatersuche leichtfüßig (…) mit den tiefen Abgründen der Vergangenheit und (…) gegenwärtiger wirtschaftspolitischer Machenschaften“ verknüpfe. Dabei stelle Bauder zwei Welten gegenüber und zeige, wie eng diese zunächst unterschiedlich scheinenden Teile der Gesellschaft miteinander verknüpft sind (Telchmann 2012).

Der Filmkritiker Thomas Gehringer sah den Film als einen Mix aus Thriller, aktueller Zeitgeschichte, Familien- und Coming-of-Age-Drama und sprach von „herausragenden Darstellern“, einer „geradlinigen Erzählweise, markanten Schauplätze“ und „zahlreichen Verweisen auf die Realität“. Gehringer lobte Regisseur Bauder für ein Recherche und Fakten beruhendes Polit- und Wirtschaftsdrama, das nah an die Realität herankomme. Der Journalist und Historiker Nils Michaelis (vorwärts) verwies auf die gut ausgearbeiteten psychologischen Konflikte zwischen Mike, Elke und Böhm und schrieb dem Film vor allem in den Szenen, in denen das Unausgesprochene die Handlung bestimme, „eine bedrückende Intensität“ zu, „wie sie in deutschen Gegenwartsproduktionen, zumal mit zeithistorischem Bezug, selten zu erleben“ sei. Der Film appelliere dabei an den Kampf um Selbstachtung, für den es niemals zu spät sei. Kritische Worte fand Michaelis für Bauders klischeehafte Darstellung der Lebenswelten in den Plattenbauten und die Stasi-Opas, „die tief unter ihrer Datsche Aktenberge horten.“

Auszeichnungen

Das System gewann 2011 den DEFA-Förderpreis beim Filmfestival in Cottbus und im gleichen Jahr den Cine Star-Preis beim Filmkunstfest in Schwerin.

Erinnerungsdiskurs

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ZDF/Stephanie Kulbach

Das System ist ein Film über einen jungen Mann, der zur Dritten Generation Ost gehört und nach seiner Identität sucht. Es geht in diesem Film nicht mehr um eine Abwertung der DDR, sondern um die Frage, warum jede Gesellschaftsordnung anfällig ist für Manipulation und Verrat. Die Vergangenheit ist trotzdem nicht egal. Die Akten der Stasi sind immer noch da – genau wie die Menschen, um die es in diesen Akten geht, und diejenigen, die das damals aufgeschrieben haben. Bauder sagte dem 0381-Magazin, dass manche Strukturen jeden Systemwechsel überleben. Neben dem Umgang der Menschen mit solchen Veränderungen interessiere ihn ein Wirtschaftssystem, das alles mit einem machen kann, wenn kein Widerstand geleistet wird (Cohen-Pfister 2015: 188).

Die Geschichte von Mikes Eltern und Böhm zeigt einerseits, dass Verrat, Misstrauen und Instrumentalisierung in der DDR für den persönlichen (wirtschaftlichen) Erfolg in Kauf genommen wurden. Andererseits zeigt der Film auch, dass dieses Verhalten nicht der SED oder der Stasi geschuldet ist, sondern einen menschlichen Ursprung und mit der Versuchung der Macht zu tun hat. Diese Botschaft passt nur schwer zu einem der gängigen Erinnerungsmuster. Am ehesten passt der Film zum Arrangementgedächtnis, da er Skepsis gegenüber beiden Systemen äußert (Sabrow 2009: 19).

Empfehlung

Empfehlung der Autorin

Das System ist ein spannender Politthriller, der das Publikum mitnimmt auf Mikes Reise in die Welt der Wirtschaftskriminalität und uns teilhaben lässt an der Suche nach seinen Wurzeln in der DDR.

Literatur

Laurel Cohen-Pfister: Social Consciousness in the Bionade-Biedermeier: An Interview with Filmmakers Marc Bauder and Dörte Franke. In: Jill E. Twark & Axel Hildebrandt (Hrsg.): Envisioning Social Justice in Contemporary German Culture. New York: Boydell & Brewer, S. 186-202

Dietmar Dath: Genosse Gewissen gewinnt. In: FAZ vom 12. Januar 2012, S. 31

Martin Sabrow: Die DDR erinnern. In: Martin Sabrow (Hrsg.): Erinnerungsorte der DDR. München: C. H. Beck 2009, S. 11-27

Julia Telchmann: Blühende Landschaften Marc Bauders aufregender Politthriller Das System – Alles verstehen heißt alles verzeihen. In: Berliner Zeitung vom 12. Januar 2012

Empfohlene Zitierweise

Das System - Alles verstehen heißt alles verzeihen. In: Daria Gordeeva, Michael Meyen (Hrsg.): DDR im Film 2022, https://ddr-im-film.de/de/film/das-system-alles-verstehen-heisst-alles-verzeihen