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DEFA-Stiftung/Christa Koefer

Die Architekten

Kurzinformationen

Filmdaten

Titel
Die Architekten
Erscheinungsjahr
1990
Produktionsland
Originalsprachen
Länge
102 Minuten

Kurzbeschreibung

Der Film zeichnet die Desillusionierung eines jungen Architektenteams Ende der 1980er nach. Alle Pläne werden von der Bürokratie und politischen Eingriffen ausgebremst. Für die ganz persönlichen Konsequenzen von Frustration und Ausweglosigkeit steht eine zerbrechende Ehe.

Dieser Beitrag entstand mit freundlicher Unterstützung der DEFA-Stiftung.

Schlagworte

Zeit
Schauplatz
Genre
Motive

Entstehungskontext

Beteiligte

Regie

Geboren 1949, wuchs Peteer Kahane in einem kommunistischen Elternhaus auf. Aus beruflichen Gründen reiste die Familie viel. Nach zahlreichen Umzügen und Berufswechseln begann Kahane 1974 ein Regiestudium an der Hochschule für Film und Fernsehen der DDR, das er 1979 abschloss.

Schon in seinen früheren Werken Ete und Ali (1985) und Vorspiel (1987) hatte Kahane (gemeinsam mit Kameramann Andreas Köfer) eine relativ ungeschönte DDR abgebildet. Aufgrund des Entstehungszeitraums (die Dreharbeiten begannen im September 1989 und endeten im Januar 1990) konnte der Film Die Architekten noch weitergehen und zahlreiche Tabus ansprechen. Es geht um fehlende Gleichberechtigung, Sexismus am Arbeitsplatz, die Staatssicherheit und die katastrophale Wohnsituation im Altbau.

Kahane und Knauf änderten das Drehbuch einige Mal und überlegten nach der Maueröffnung, ob der Film überhaupt noch Sinn ergibt. Aus der Intention, trotz aller Widrigkeiten für Engagement zu werben, wurde ein resignierter Abgesang (Braun 2019). Kahane (2019): „Unser Gegenwartsfilm spielte von einem Tag auf den anderen in der Vergangenheit“.

Drehbuch

Drehbuchautor Thomas Knauf arbeitete von 1981 bis 1990 für die DEFA, in diese Zeit fallen beispielsweise Rabenvater (1986) und Treffen in Travers (1989). Nach 1990 war Knauf mehrere Jahre in den Vereinigten Staaten, lebt inzwischen aber wieder in Berlin und gibt Drehbuchseminare.

Finanzierung

Die Kosten wurden von der DEFA gedeckt. Die Höhe der Produktionskosten ist nicht bekannt.

Werbung

Auf dem Filmplakat steht der Familienkonflikt im Mittelpunkt. Ausreiseschild und Umarmungsszene verweisen auf Abschied und Wiedersehen. Der besorgte Gesichtsausdruck von Hauptfigur Daniel Brenner suggeriert eine persönliche Krise als Pendant zur gesellschaftlichen. Der mehrdeutige und dramatische Untertitel „1989: Die verlorene Illusion eines ‚idealen‘ Weltbildes“ verweist darauf, dass es in dem Film eben nicht nur um Familiendramen geht, sondern auch um die Krise des Sozialismus.

Filminhalt

Handlung

Der 38-jährige Architekt Daniel Brenner bekommt nach vielen Kleinstprojekten mit der Gestaltung eines Wohngebiets endlich die Chance, seine Visionen umzusetzen. Er darf sich sogar ein eigenes Team zusammenstellen. Die sieben Weggefährten diskutieren kontrovers, wie mutig sie sein können und wie viele Schranken sie schon selbst setzen sollten. Die Freude ist groß, als die Gruppe tatsächlich den Wettbewerb gewinnt. Nach anfänglicher Euphorie werden den Architekten jedoch immer mehr Steine in den Weg gelegt, bis von ihren utopischen Träumen so gut wie nichts mehr übrigbleibt. Immer mehr Gruppenmitglieder springen ab, ihre Ideen scheitern an Planvorgaben und ideologischer Starrheit.

Parallel zu dieser beruflichen Desillusionierung zerbricht auch Daniels Ehe. Seine Frau fühlt sich gefangen in ihrer Plattenbauwohnung in Marzahn, weit weg von Freunden und kulturellem Angebot der Großstadt. Das Gefühl, auch beruflich fest zu stecken und innerlich abzusterben, nimmt stetig zu. Als sie sich in einen Schweizer verliebt, beschließt sie, mit ihrer Tochter auszureisen. Daniel kämpft um sie, gibt jedoch schließlich auf.

Zentrale Figuren

Daniel Brenner (Kurt Naumann), 38, ein Architekt, der bisher nur kleine Projekte umsetzen konnte, bekommt endlich die Chance, ein größeres Projekt zu verwirklichen, das seinen Vorstellungen einer menschlich gestalteten Umwelt entspricht. Zu Beginn rennt er noch euphorisch mit seiner Tochter durch die matschige Freifläche und entwirft Luftschlösser. Daniel ist überzeugt, dass Änderungen möglich sind und will den Sozialismus mitgestalten. Als ihn nach der beruflichen Enttäuschung auch noch Frau und Tochter verlassen, ist Daniel verzweifelt. Er führt das Projekt zwar zu Ende, da aber so gut wie keine der ursprünglichen Vorstellungen umgesetzt werden kann, ist der Erfolg mehr als schal. Auch die sich abzeichnenden gesellschaftlichen Veränderungen geben ihm keine Hoffnung. Eine der letzten Szenen zeigt Daniel, wie er nach der alkoholreichen Feier zum Baubeginn kotzend neben der Tribüne in der noch unbebauten Einöde zusammensackt.

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DEFA-Stiftung/Christa Koefer
Daniel Brenner (Kurt Naumann)

Wanda Brenner (Rita Feldmeier), Daniels Ehefrau, ist unglücklich in der Trabantenstadt, wo sie weit entfernt von Freunden und Kultur das Gefühl hat zu verdummen und festzustecken. Sie ist eifersüchtig auf Daniels Kollegin Renate – auch weil sie merkt, dass das Projekt ihrem Mann wieder die Hoffnung auf Veränderung gibt, die sie verloren hat. Sie verliebt sich in einen Mann aus der Schweiz und beschließt, sich scheiden zu lassen und mit ihrer Tochter Johanna in die Schweiz auszureisen.

Renate Reese (Uta Eisold) arbeitet im Team von Daniel. Sie ist in Daniel verliebt. Nach der Trennung von seiner Frau haben die beiden eine Beziehung.

Gesellschaftsbild

Der Film zeichnet eine weitgehend desillusionierte Generation, die, ungefähr gleich alt wie die DDR, nie recht zum Zuge kam. Viele von Daniels Studienkollegen arbeiten inzwischen in ganz anderen Berufen oder sind ausgereist. Werden dem Team anfangs noch große Freiheiten und Gestaltungsmöglichkeiten versprochen, erfahren die Architekten nach und nach, was sich hinter Begriffen wie „Realitätssinn“ oder „Kompromiss“ verbirgt.

Das Berufsbild des Architekten ist nicht zufällig gewählt. Der Bau wurde in der DDR ideologisch überhöht und symbolisch aufgeladen mit seinen Konnotationen von Wiederaufbau und Aufbau des Sozialismus. In dem Film steht der Beruf für eine Generation. Auch Wanda leidet als Physiotherapeutin an fehlenden Veränderungsmöglichkeiten.

Der Film zeigt, dass man auf das starre und oft frustrierende System unterschiedlich reagieren konnte. Daniel ist angetrieben von einem starken Veränderungswillen und hält bis zum Schluss an einigen sozialistischen Idealen fest. Für Wanda überwiegt das Bedürfnis, Neues zu erleben und aus ihrer Routine auszubrechen. Eine Mitarbeiterin Daniels hofft auf die beginnenden Demonstrationen und die Oppositionsbewegung. Der Neuanfang von 1989 kommt sonst nicht vor. Der Schluss betont das Scheitern, das Tragische.

Ästhetik und Gestaltung

Die Kamera von Andreas Köfer fängt eine triste Vorortszenerie ein, die Filmmusik von Tamás Kahane (Peter Kahanes Sohn) trägt ihr übriges zu der insgesamt eher melancholischen und düsteren Stimmung bei. Der Kontrast zu einer Hof-Feier in einem Berliner Altbau, die von ausgelassener Stimmung geprägt ist, ist hier besonders auffällig. Gerhard Jens Lüdeker (2015: 63) macht die Tatsache, dass der Film in seiner schlichten Machart „ästhetisch und erzählerisch der Formsprache der DEFA verpflichtet“ ist, teilweise auch für den ausbleibenden Erfolg verantwortlich.

Authentizität

Strategien der Authentizitätskonstruktion

Der Film setzt sehr auf Originalschauplätze, vor allem mit Blick auf die titelgebende Metapher der Architektur. Dazu gehört der bewusst und effektiv inszenierte Kontrast zwischen verfallenden, aber belebten Prenzlauer-Berg-Hinterhöfen und den Mondlandschaften Marzahns, die zwar in den Innenräumen Modernität und Wohlstand ausstrahlen, aber als Stadtlandschaft noch merkwürdig unbelebt und unfertig wirken. Die Familie sehnt sich nach den Innenstadtbezirken mit ihrer gewachsenen (Alternativ-) Kultur. Das kann kein optimiertes WBS- (Wohnungsbauserie) Modell ausgleichen.

Die Originalschauplätze der deutschen Teilung sind auch ein Zeitzeugnis und offenbaren eine wichtige Veränderung im letzten Jahr der DDR. Noch einige Jahre zuvor wäre ein Dreh, der Mauer und Grenzübergänge zeigt, mit starken Einschränkungen und Verboten konfrontiert worden.

Rezeption

Reichweite

Der Film lief am 22. Juni 1990 in den Kinos an und war, sicherlich bedingt durch die ereignisreiche Zeit, kein großer Publikumserfolg. Die Angaben schwanken zwischen 5.000 und 8.000 verkauften Tickets. Kahane selbst sprach in einem Interview in der Berliner Zeitung am 3. April 1992 von einem „Misserfolg“. Durch „die radikalen Veränderungen waren das alte Publikum weg, die alten Gegner und die alten Freunde“ (N.N. 1992).

Rezensionen

In der Presse erhielt der Film eher gemischte Kritiken. So beklagte Günter Sobe (1990) in der Berliner Zeitung die „hölzernen Dialog-Klammern“. Helmuth Ullrich (1990) bezeichnete Die Architekten in der Neuen Zeit als „filmischen Abgesang“, den „die Ereignisse überholt haben“, denn als der Film konzipiert wurde, „sollte er einer werden, der helfen sollte, Fehlentwicklungen zu erkennen. Da war noch kühn, was heute nur noch Bestätigung, dass damals vieles schief lief.“ Ulrich kommt trotzdem zum Schluss, dass er dem Film wünsche, einen Verleiher im Westen zu finden, „damit dortiges Publikum durch ihn besser begreifen könnte, was die DDR war.“ Zumindest verspätet wurde dieser Wunsch erfüllt. Zum 30. Jahrestag der Maueröffnung 2019 bekam der Film verstärkte Aufmerksamkeit in Form von Presseberichterstattung und Screenings.

Auszeichnungen

Auf dem sechsten und letzten Spielfilmfestival der DDR 1990 erhielt der Film zwei Auszeichnungen: den Preis der katholischen Filmkommission im Bereich der Berliner Bischofskonferenz und für die männliche Nebenrolle (Wolfgang Greese).

Erinnerungsdiskurs

Gerhard Jens Lüdeker (2015: 62) zählt Die Architekten zu dem Genre der „nachträglich systemkritischen Filme“, gekennzeichnet von einer „insgesamt kritisch-pessimistischen Sichtweise“. Lüdeker ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass die Protagonisten nicht nur eine Niederlage gegen den Staat erleiden, sondern die Niederlage eben dieses Staates ein Stück weit auch als ihre eigene empfinden. Diese Ambivalenz mache Die Architekten zu einem spannenden Zeitdokument. Auch wenn „ihre produktiven Ambitionen in einem System von organisierter Überwachung und Repression systematisch erstickt“ werden, „durch die Wiedervereinigung verliert darüber hinaus ihre politische Überzeugung und damit der Lebenssinn ihre Bedeutung“ (Lüdeker 2015: 63).

Besonders deutlich, fast schon satirisch, werde die ideologische Verbohrtheit der Funktionäre in ihrer Ablehnung der vorgeschlagenen Kunst für das Bauprojekt. Die drei Plastiken greifen jeweils eine wichtige Säule der SED-Ideologie an: die funktionierende kleinbürgerliche Familie, den heroischen Arbeiter und den ruhmreichen sowjetischen Soldaten. Die Darstellung einer „Familie im Stress“, eines gefallenen sowjetischen Soldaten im Schlamm und eines einsamen Bauarbeiters im Untergrund sind für die ältere Generation eine Provokation, für die sie gar keine Worte finden kann, da sie in ihrer Vorstellung schlicht nicht vorkommen dürfen. Dieses starre Festhalten an ideologischen Chiffren blockiert die Kommunikation mit der jüngeren Generation und damit auch jede Weiterentwicklung der Gesellschaft.

Der Film nehme jedoch keinesfalls eine eindeutige Position in der Systemkonkurrenz ein. Der Schweizer Freund, der mit Daniel in Weimar studierte, hat in seiner Heimat ebenfalls noch keine großen Projekte umsetzen können. Und Daniel hinterfragt kritisch die Vorstellungen und Projektionen vom „Westen“ seiner Frau Wanda, als diese plant auszureisen. Selbst als er schon um das Scheitern seines Projekts weiß, ist er nicht gewillt, seine Hoffnung auf Veränderung, sein Pflichtgefühl gegenüber dem Staat oder zumindest der Gesellschaft und seinen Glauben an die Werte des Sozialismus gänzlich aufzugeben. Charakteristisch für die Wendezeit werde in Die Architekten „ein anderer Sozialismus entwickelt, der sich signifikant von dem System der DDR unterscheidet, weil er in erster Linie weniger bürokratisch, sondern mehr menschlich orientiert sein soll“ (Lüdeker 2015: 63). Insofern könne dem Film, obwohl er das Thema fast gänzlich ausspare, eine Wahlverwandtschaft mit der frühen DDR-Oppositionsbewegung unterstellt werden.

Die Geschichte des Architekten Daniel Brenner war auch eine filmische Übersetzung der eigenen Erfahrungen von Peter Kahane als Regisseur. „Vom Frust der Filmschaffenden ist etliches in seine Geschichte eingeflossen; im Ärger, der ihm wegen zu viel Originalität nicht erspart bleibt, ist deren Ärger gespiegelt“, hieß es in der Neuen Zeit (Ullrich 1990: 7). Der Symbolismus des Films bleibt dabei aber nicht auf bestimmte Berufsgruppen beschränkt. „Es ist aber auch ein Gleichnis auf den Weg einer großartigen Idee zur Illusion, und von der Illusion zum Scheitern. Ein Gleichnis auf den Sozialismus“, sagte Kahane in einem Interview mit der Berliner Zeitung 30 Jahre später (Kahane 2019).

Das Timing des Films war geradezu tragisch schlecht. Für den anfangs intendierten reformerischen Impuls kam er zu spät, für eine kritische Aufarbeitung der DDR zu früh. Das macht ihn jedoch heute umso attraktiver. Der Film bietet eine schonungslose Kritik des Systems im Stadium seiner höchsten Erstarrung und Verknöcherung, ohne jedoch zu verteufeln, undifferenziert abzuwerten oder nachträglich zu verklären.

Empfehlung

Empfehlung der Autorin

Als Momentaufnahme der späten 1980er bietet der Film ein wertvolles, vielschichtiges Zeitdokument, das vielen in späteren Jahrzehnten oftmals diskursiv vereindeutigten filmischen Werken einiges voraushat.

Literatur

Rüdiger Braun: DEFA-Film wird zum Abgesang auf die DDR. In: Märkische Allgemeine vom 9. November 2019

Peter Kahane: „Vierzig Jahre lang galten wir als zu unreif und dann plötzlich als zu alt.“ Interview von Claus Löser und Frank Junghänel. In: Berliner Zeitung vom 10. November 2019

Gerhard Jens Lüdeker: DDR-Erinnerung in gegenwärtigen deutschen Spielfilmen. In: Hans-Joachim v. Veen (Hrsg.): Das Bild der DDR in Literatur, Film und Internet. 25 Jahre Erinnerung und Deutung. Köln: Böhlau 2015, S. 59-79

Günter Sobe: Hans im Glück oder Verlorene Illusion Uraufführung: Der DEFA-Spielfilm „Die Architekten“. In: Berliner Zeitung vom 22. Juni 1990, S. 9

Helmut Ullrich: Von den Schwierigkeiten mit einem neuen Projekt. Der DEFA-Film „Architekten“ von Peter Kahane. In: Neue Zeit 22. Juni 1990, S. 7

N.N.: Das alte Publikum weg, die alten Freunde und die alten Feinde. Im Gespräch über „Cosimas Lexikon“ mit dem Filmregisseur Kahane. In: Berliner Zeitung vom 3. April 1992, S. 19

Empfohlene Zitierweise

Die Architekten. In: Daria Gordeeva, Michael Meyen (Hrsg.): DDR im Film 2022, https://ddr-im-film.de/de/film/die-architekten