Und der Zukunft zugewandt
Neue Visionen Filmverleih

Und der Zukunft zugewandt

Kurzinformationen

Filmdaten

Titel
Und der Zukunft zugewandt
Erscheinungsjahr
2019
Produktionsland
Originalsprachen
Länge
108 Minuten

Kurzbeschreibung

Als Drama über politischen Idealismus, Machtmissbrauch und verordnete Sprachlosigkeit erzählt der Film von den (selbst)zerstörerischen Kompromissen, die die zu Unrecht in einem sowjetischen Arbeitslager des GULag gefangene und 1952 in die DDR zurückgekehrte Antonia Berger eingehen muss, um als überzeugte Kommunistin und Mutter im „besseren Teil Deutschlands“ ein neues, zweites Leben beginnen zu können.

Schlagworte

Zeit
Genre

Entstehungskontext

Beteiligte

Drehbuch

Regisseur Bernd Böhlich erfuhr Ende der 1980er Jahre während der Dreharbeiten zu einer Polizeiruf-Folge zufällig von der Schauspielerin Swetlana Schönfeld, dass sie 1951 in einem sowjetischen Arbeitslager im sibirischen Kolyma geboren worden war. Ihre Mutter Betty Schönfeld (im Film gespielt von ihrer Tochter Swetlana), eine überzeugte Kommunistin, war im Zuge der stalinistischen Säuberungen in Moskau verhaftet und zu fünf, später zu zehn Jahren Straflager verurteilt worden. Ihr Vater starb im Lager. Im Alter von sechs Jahren kamen Mutter und Tochter nach Berlin. Ihre Schicksalsgeschichte schockierte und faszinierte Böhlich gleichermaßen, schließlich waren ihm nach eigener Aussage sowohl das GULag-System als auch seine deutschen Opfer und Überlebenden weitgehend unbekannt geblieben. Die Biografie der beiden Frauen auf der einen Seite und das jahrzehntelange mütterliche Schweigen über das Erlebte auf der anderen wurden zum Ausgangspunkt für die Filmidee.

Bernd Böhlich, 1957 im sächsischen Löbau geboren, hatte nach einer Fernsehregie-Assistenz und einem Regiestudium an der HFF Potsdam-Babelsberg Mitte der 1980er Jahre eine Karriere als Autor und Regisseur beim DDR-Fernsehen begonnen. Nach dem Ende der DDR arbeitete er weiter für das Fernsehen, entwickelte und drehte vor allem für das Unterhaltungsgenre. Und der Zukunft zugewandt ist nach Du bist nicht allein (2007), Der Mond und andere Liebhaber (2008) und Bis zum Horizont, dann links! (2012) Böhlichs vierte Kinoarbeit.

Produktion

Für die Produktion zeichnete die Mafilm Martens Film- und Fernsehproduktions GmbH von Eva-Marie und Alexander Martens verantwortlich. Der Film entstand in Koproduktion mit dem Rundfunk Berlin-Brandenburg im Rahmen der Initiative Leuchtstoff, Cineplus sowie dem Synchron- und Tonstudio Leipzig.

Finanzierung

Gefördert wurde das Projekt durch die Mitteldeutsche Medienförderung (MDM), das Medienboard Berlin-Brandenburg, den Deutschen Filmförderfonds (DFFF), den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien und der Filmförderungsanstalt (FFA) mit einer Gesamtsumme von knapp 1,3 Millionen Euro.

Produktionsförderung (2017/18)  
Deutscher Filmförderfonds (DFFF) 376.381 €
Medienboard Berlin-Brandenburg 400.000 €
Mitteldeutsche Medienförderung (MDM) 400.000 €
Verleihförderung (2019)  
Filmförderungsanstalt (FFA) 22.000 €
Medienboard Berlin-Brandenburg 40.000 €
Mitteldeutsche Medienförderung (MDM) 45.000 €

 

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Der Filmverleih Neue Visionen stellte zum Film ein Presseheft, ein umfassendes pädagogisches Begleitmaterial und einen Trailer bereit.

Filminhalt

Handlung

Antonia Berger (Alexandra Maria Lara) lebt mit ihrer an einer schweren Lungenkrankheit leidenden Tochter Lydia (Carlotta von Falkenhayn) seit mehr als zehn Jahren in einem sibirischen Arbeitslager, verurteilt zu lebenslanger Zwangsarbeit. Die Kommunistin, die 1938 mit der „Kolonne Links“ in die Sowjetunion emigrierte, wurde dort unter absurden Vorwürfen verhaftet und als einziges, nicht zum Tode verurteiltes Ensemblemitglied in ein GULag-Arbeitslager verbannt. Beim Versuch, heimlich seine in einem abgetrennten Nachbarlager untergebrachte Tochter an deren Geburtstag zu besuchen, wird ihr Mann erschossen. 1952 gelingt auf Veranlassung von SED-Genossen die Freilassung von Antonia und ihrer Tochter sowie zwei weiteren eingesperrten Kommunistinnen. Sie werden in die DDR überführt, wo sie in Fürstenberg ankommen, dem späteren Eisenhüttenstadt. Dort werden sie von der SED-Kreisleitung herzlich empfangen.

Nachdem es der Krankenhausarzt Konrad Zeidler (Konrad Stadlober) schafft, die totkranke Lydia zu retten, scheint sich alles zum Besseren zu wenden. Die aus der Haft Befreiten bekommen eine gute Wohnung sowie ausreichend Geld und Lebensmittelkarten. Vor allem gibt man ihnen eine ehrenvolle Arbeit, die sie teilhaben lässt am großen gesellschaftlichen Auf- und Umbau in der DDR. Antonia wird zur Leiterin im „Haus des Volkes“ ernannt. Sie, die nach vielen Jahren voller Schmerz und Entbehrung eine solche Zuwendung nicht mehr für möglich gehalten hatte, schöpft neue Hoffnung auf eine gesellschaftliche Zukunft und privates Glück. Zwischen ihr und dem Arzt Konrad, der sich gegen das begüterte Leben seiner in Hamburg ansässigen Familie entschieden hat, entspinnt sich eine Liebesbeziehung.

Doch dafür, dass Antonia ein neues Leben gewinnt, muss sie einen hohen Preis zahlen: Sie verpflichtet sich per Unterschrift, über ihre Zeit in der Sowjetunion zu schweigen. Leo Silberstein (Stefan Kurt), SED-Sekretär für Agitation und Propaganda, begründet dies mit der fragilen Stellung der jungen DDR und deren politisch wankelmütigen Bevölkerung im Kalten Krieg. Der Pakt der Stille bricht an Stalins Tod im März 1953, als die Mitinhaftierte Susanne Schumann (Barbara Schnitzler) über ihre GULag-Vergangenheit auspackt und gegenüber Konrad das Unsagbare ausspricht. In der Folge gerät Antonia, die sich für die Wahrheit gegenüber ihrem Geliebten entscheidet, erneut in den Schraubstock eines brutalen Sicherheitsapparates. Darüber hinaus siedelt der desillusionierte Konrad in den Westen über, ohne dass es ihm gelingt, Antonia zum Mitkommen zu überreden. Diese verbrennt ihre Tagebuchnotizen aus der GULag-Zeit und entschließt sich, in der DDR zu bleiben. Ihr Motiv, das sie dem ebenso verständnislosen wie enttäuschten Konrad auseinandersetzt, ist so einfach wie tragisch: Würde sie weggehen, wäre alles, was sie durchgemacht hat, umsonst gewesen.

Zentrale Figuren

Und der Zukunft zugewandt ist ein Film über (starke) Frauen. Sowohl im „sibirischen Prolog“ zu Beginn als auch nach der Ankunft in Fürstenberg stehen sie im Mittelpunkt der Figurenkonstellation: Antonia Berger im Zentrum, begleitet von den beiden mitinhaftierten Kommunistinnen Irma Seibert (Karoline Eichhorn) und Susanne Schumann (Barbara Schnitzler). Jede der drei Frauen geht auf ihre Weise mit ihrer Rettung um und definiert den Preis, der dafür zu bezahlen ist. Als sie Funktionär Silberstein gegenübersitzen, um die Verschwiegenheitsklausel zu unterzeichnen, regt sich der stärkste Unwille bei Irma Seibert. Sie ist es dann auch, die sich nicht in das System einfügt, sondern abtaucht und später Konrad die Wahrheit ins Gesicht schleudert.

Antonia Berger (Alexandra Maria Lara)
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Antonia Berger

Antonia Berger (Alexandra Maria Lara) steht im Mittelpunkt des Films. Die überzeugte Kommunistin ist mit dem mörderischen Trauma einer in die Mühlen des stalinistischen Terrors der 1930er Jahre geratenen jungen Emigrantin belastet, als sie in die ebenfalls noch junge DDR zurückkehrt. Sie steht vor der Herausforderung, sich innerhalb kürzester Zeit der neuen Umgebung anverwandeln zu müssen. Dazu fügt sie sich zunächst dem Maulkorb und damit der Parteiräson. Als Idealistin hofft sie, dass sich ihre neue Heimat rasch zu einem sozialistischen Staat mit menschlichem Antlitz entwickeln werde. Als ihr Nachbar Alois Hoecker (Jürgen Tarrach) sie malt, vergleicht er die DDR mit einem Kleinkind, das erst wenige Jahre jung und noch in der Lage sei zu lernen. Als Maler hat Hoecker seiner österreichischen Heimat den Rücken gekehrt, weil ihm „das alte Nazipack“ in den neuen Ämtern in seinem geliebten Wien die Luft zum Atmen raube. An Hoeckers Vergleich und Vision glaubt Antonia felsenfest. Dennoch hat sie Mühe, heimisch zu werden. Mehr schlecht als recht arrangiert sie sich mit dem System und mit der Lüge. Antonias verordnetes Schweigen nährt zum einen Argwohn, zum anderen wird es immer wieder missverstanden, selbst in der engsten Umgebung. Die Beschneidung von Verstand, Erfahrung und Sinnlichkeit kann auch dann nicht überwunden werden, als Antonia ihre Eltern nach fast zwanzig Jahre Funkstille zum ersten Mal wiedersieht. Das Aufeinandertreffen verläuft wenig herzlich. Bezeichnenderweise sitzt sie ihrer Mutter Waltraut Kessler (Swetlana Schönfeld) nicht gegenüber, sondern ist in der Kameraeinstellung so platziert, als wäre sie deren Schatten.

Mit dem Arzt Konrad Zeidler und dem Funktionär Leo Silberstein bemühen sich zwei Männer um Antonia. Doch beiden wird nur annäherungsweise bewusst, wie weit Antonia aufgrund ihrer GULag-Erfahrungen von ihnen entfernt ist, eine grundlegende Distanz, die der Handlung bisweilen melodramatische Züge verleiht.

Konrad Zeidler (Robert Stadlober) träumt auch von einer besseren Welt. Der Arzt hat bürgerliche Wurzeln in Hamburg. Für die kommunistische Utopie gab er die Nachfolge der väterlichen Arztpraxis auf, ein Entschluss, der Antonia beeindruckt. Konrad argumentiert und handelt in jugendlicher Naivität und Ungebrochenheit. Beides berührt Antonia sehr, doch es macht das auferlegte eigene Schweigen umso schmerzhafter. Nachdem Konrad Antonias Sibirien-Tagebuch zu lesen bekommt, bricht eine Welt für ihn zusammen. Die Reinheit seiner Vision ist von der niedergeschriebenen Brutalität und Menschenunwürdigkeit nachhaltig beschädigt. Mit dem Weggang in den Westen zieht Konrad die für ihn logische Konsequenz.

Konrad Zeidler (Robert Stadlober, links) und Leo Silberstein (Stefan Kurt, rechts)
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Konrad Zeidler (l.) und Leo Silberstein (r.)

Leo Silberstein (Stefan Kurt), Sekretär für Agitation und Propaganda der SED-Kreisleitung, ist der Gegenpol zu Konrad. Mit Zügen einer Vaterfigur verkörpert er die Staatspartei vor Ort, die zwar materielle Basis und Unterstützung im Sinne des Aufbaugedankens leistet, sich jedoch im Zweifels- oder Problemfall stets auf die unantastbare Ideologie und die Machtfrage zurückzieht. „Wahrheit ist das, was uns nützt“, heißt es denn auch aus seinem Mund. Antonias Lügen sei notwendig, um den jungen Staat zu schützen. Schon sehr bald könne die Wahrheit öffentlich werden, gelobt er der Rückkehrerin – ein Versprechen, dass sich nie erfüllen wird und Antonia zu einer mehr und mehr verbitterten Frau werden lässt. In Anwesenheit von einem hochrangigen Parteifunktionär wandelt sich Silberstein einmal mehr vom solidarischen Kreisleiter und Verehrer zum pragmatischen Opportunisten ohne Rückgrat. Als der ungläubige Konrad beim Parteisekretär nach Antonias Vergangenheit fragt, wiegelt dieser erst wortgewandt ab, um dann folgenreich für Antonia bei der Staatssicherheit anzurufen.

In ihrem Leiden und ihrer Verzweiflung brutal in die Schranken gewiesen und bedroht wird Antonia vom Stasi-Vernehmer, eindrucksvoll gespielt von Peter Kurth. Dieser pariert im Untersuchungsgefängnis lautstark ihre Lagererlebnisse mit seinen eigenen Verletzungen und Verwundungen aus dem KZ Buchenwald.

Noch einseitiger und autoritärer tritt der einflussreiche SED-Funktionär Werner Schuck (Bernd Stegemann) in Erscheinung, der bei einem Besuch im „Haus des Volkes“ während der Theaterprobe brüllend verlangt, dass Antonia ihr fröhliches Kinderstück gefälligst auf Parteilinie zu bringen habe.

Alois Hoecker (Jürgen Tarrach) und Antonias Tochter Lydia (Carlotta von Falkenhayn)
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Alois Hoecker und Antonias Tochter Lydia

Während das Drehbuch den Hauptfiguren Zwischentöne und Ambivalenzen einschreibt, wird den Nebencharakteren nur wenig Entwicklungspotenzial eingeräumt. Ihre Rollen beziehungsweise Figurenkonstellationen stehen im Dienst eines Geschichtsbildes mit vorcodierten Zuschreibungen, die der Film transportieren möchte. Das führt bisweilen zu Sequenzen, die ein gewisses „Abfilmen“ der Historie und eine Reißbrett-Dramaturgie nicht verbergen können. Allerdings konnte Böhlich für seine Produktion hochkarätige Schauspielerinnen und Schauspieler gewinnen, sodass derlei Momente entschärft erscheinen.

Gesellschaftsbild

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Die DDR-Gesellschaft der frühen 1950er Jahre auf umfassende Weise sozial, kollektivpsychologisch oder politisch abzubilden, beabsichtigt der Regisseur nicht. Nach den einleitenden Sequenzen, die den GULag-Terror zeigen, präsentiert der Film vielmehr ausschnitthaft eine zusammengewürfelte Menschengemeinschaft in der ostdeutschen Stadtprovinz, die vor dem Hintergrund von NS-Diktatur und Zweitem Weltkrieg, Sowjetisierung und Kaltem Krieg noch weitgehend in Bewegung ist und sich auf der Suche nach Stabilität und Ordnung befindet. Individuelle Spannungsverhältnisse, innere und äußere Gegensätze und die Last unterschiedlicher Erfahrungen prägen die Menschen und deren Beziehungen. Anfang der 1950er Jahre sind verschiedene Handlungsoptionen offen, sei es die Parteinahme für SED bzw. DDR oder der Rückzug ins Private, das Engagement für eine Gesellschaftsutopie oder der Weggang in den Westen. Wer sich den Zwängen des Regimes nicht unterwerfen will, kann das Land verlassen – wer bleibt, tut dies mehr oder weniger freiwillig. Aber es ist eine DDR, die längst von der Angst vor Verfolgung, von Verboten und Verschweigen sowie von ideologischer Phraseologie geprägt wird. Die Konturen einer neuen Diktatur zeichnen sich immer schärfer ab. Die Freudengefühle, überlebt zu haben, sind inzwischen Vorsicht und gegenseitigem Misstrauen gewichen. Fortschrittsbegeisterung und Zukunftsoptimismus in ungebrochener Form zu bewahren, erscheint nur möglich, indem die Schattenseiten der neuen Ordnung bewusst ausgeblendet werden. Verdrängung wird Voraussetzung und Prinzip vieler Menschen, um durchzuhalten und sich einzupassen. Dem gegenüber etabliert sich eine Parteielite und eine Bevölkerungsschicht, die von den neuen Verhältnissen profitieren und sich mit dem System identifizieren.

Ästhetik und Gestaltung

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Neue Visionen Filmverleih

Das Drama folgt einer linearen Erzählstruktur und ist eher konventionell aufgebaut. Das ruhige Erzähltempo folgt dem suchenden Weg Antonias und ihrer Tochter, in der DDR anzukommen und soziale Beziehungen aufzubauen. Durch die bewusste Herstellung eines Parallel-Verhältnisses von Handlungs- und Wahrnehmungsachse, bei der zum Beispiel die Figur dem Betrachter ins Gesicht sieht, wird ein hohes Maß an Identifikation mit Antonia erzeugt.

Der Regisseur umgibt die Hauptcharaktere seines Dramas mit exponierter Stille, was deren innere Verlorenheit, Einsamkeit und Erstarrung spürbar macht. Nur selten sind klarer Himmel und konturierte Landschaft zu sehen, stattdessen herrschen diesiges Wetter, unscharfer Horizont und viele Innenräume vor, die künstlichen Lichts bedürfen. Das gewollte Halbdunkel und eine ungleichmäßige Beleuchtung im Low-Key-Stil sorgen wiederholt für Schattenführung in den Szenen. Die Protagonisten werden häufig in der Halbtotalen gefilmt. Lediglich wenn Antonia mit dem jungen Arzt Zeidler zusammenkommt, verliert der Zuschauer – zusammen mit Antonia – für einen Moment das Gefühl von Kälte und Isolation. Unterstrichen wird diese Grundstimmung durch blasse, gedämpfte Farben. Dass die Kameraführung kaum schnelle Schwenks vollführt, unterstützt die gedrosselte Filmsprache.

Das Piano-Motiv der Titelmusik in Moll, das Hör-Assoziationen zu Klavierstücken des französischen Filmkomponisten Yann Tiersen hervorruft, sorgt von Beginn an für eine gleichermaßen melodramatische wie melancholische Stimmung. Ansonsten geht der Film eher sparsam mit der Möglichkeit um, Stimmungen durch Musik zu verstärken.

Authentizität

Strategien der Authentizitätskonstruktion

Ausstattung und Szenenbild fangen nicht nur authentisch wirkende Schauplätze ein, sondern spiegeln mit einer überhöhten Unzerstörtheit und Sauberkeit der städtischen Fassaden und ländlichen Umgebung auch die Sterilität des neuen Lebens Antonias. Das Filmteam, neben Böhlich bestehend aus Kameramann Thomas Plenert, Szenenbildner Eduard Krajewski und Kostümbildnerin Anne-Gret Oehme, erschafft Bildfolgen, die den Zuschauer an den utopischen Ambitionen jener Zeit ebenso teilhaben lässt wie am individuellen historischen Zeitkolorit. Die Welt der DDR ist, wie Bert Rebhandl in der FAZ schrieb, so gefilmt, wie es 30 Jahre nach dem Ende nur noch möglich ist: als „Zitat“. Der Schauplatz Eisenhüttenstadt hat heute sowohl symbolisch als auch real Museumscharakter. Gleichwohl stand er in den 1950er Jahren genau für das, was der Filmtitel besagt, der seinerseits ein Zitat aus dem Text der DDR-Nationalhymne von Johannes R. Becher „Auferstanden aus Ruinen“ darstellt. Leo verkörpert in Kleidung und Frisur den Parteifunktionär, wie er den Schwarz-Weiß-Fotografien der Nachkriegszeit entspringt; Konrad hingegen ist mit etwas mehr Farbigkeit und jugendlichem Stil ausstaffiert.

Rezeption

Reichweite

Kinostart war am 5. September 2019. In den Arthouse-Kinocharts verfehlte Und der Zukunft zugewandt in seiner ersten Spielwoche nur knapp den ersten Platz für den besten Neustart hinter Quentin Tarantinos Once Upon A Time in Hollywood (2019). Bis zum 22. September sahen den Film in Deutschland knapp 63.000 Zuschauer; insgesamt waren es 102.000. Die Zahl der deutschen Kinos, die ihn zeigten, belief sich auf 136.

Rezensionen

In den Kritiken wurde der Film unterschiedlich, aber überwiegend positiv bewertet. Bert Rebhandl von der FAZ sah in Böhlichs Arbeit eine „angemessene und höchst plausible Erinnerung“ an die frühe DDR, auch wenn sich der Filmanfang zunächst noch wie ein klassisches Geschichtsdrama ausnehme. Für Gunnar Decker im Neuen Deutschland ist es ein großartiger Film über die Geschichte eines „unguten Schweigens“. Filmkritiker Knut Elstermann hielt ihn ebenfalls für einen „packenden Film“, der emotional und differenziert zeige, „wie in der großen Lüge des Anfangs schon das Scheitern des Endes eingeschrieben war“ (radioeins). Auch der Tagesspiegel sah ein „komplexes Bild auf die Widersprüche des deutschen Sozialismus“. Frank Arnold von epd Film fand den konventionell inszenierten Film da am überzeugendsten, „wo er seine Geschichte durch Verknappung auf den Punkt bringt“. Dass er ein Tabuthema auf die Leinwand bringt und den Zwiespalt der Figuren zwischen dem Eintreten für eine gerechtere Gesellschaft und den Zweifeln an den Methoden daran in den Mittelpunkt rückt, sei zweifellos ein Verdienst des Films. „Eine beklemmende Aufarbeitung eines in der DDR lange tabuisierten Themas" hieß es auch in der Berliner Morgenpost. Hingegen fehlen Bettina Peulecke von NDR-Info Kultur Zwischentöne, denn vieles sei nach Gut-und-Böse-Schema inszeniert – möglicherweise liege darin, neben den glaubwürdigen Charakteren, aber auch die Kraft des Films (Rezension nicht mehr online). Er wirke mitunter sperrig und wie abgefilmtes Theater, monierte auch Falk Straub auf kino-zeit.de, das Thesen- und Schablonenhafte würde dem Film etwas Statisches verleihen.

Auszeichnungen

Die Deutsche Film- und Medienbewertung Wiesbaden vergab für den Film das Prädikat „besonders wertvoll“. Regisseur Bernd Böhlich erhielt auf dem 31. Internationalen Filmfest Emden 2019 den SCORE Bernhard Wicki Preis.

Erinnerungsdiskurs

Dass Bernd Böhlich ein bislang im deutschen Kino und Fernsehen wenig behandeltes Thema auf die Leinwand bringt, ist bemerkenswert. Spiel- und Dokumentarfilme über das GULag-System wurden zwar produziert, beispielsweise Kraj – Am Ende der Welt (Regie: Sergej Utschitel, 2010), Mitten im Sturm (Regie: Marleen Gorris, 2011) oder auch die Dok-Kurzfilme Haya-Lea Ditinko – Wie ich Stalins Gulag überlebte (Regie Ulrike Ostermann, 2010) und Women of the Gulag (Regie Marianna Yarovskaya, 2018). Doch nur selten kam das Schicksal der Rückkehrer zur Sprache. Zu den international bekanntesten Filmen gehörte Rote Küsse (Rouge baiser) von Véra Belmont aus dem Jahr 1985, in dem der kommunistische Geliebte der Mutter der Hauptheldin Nadia, Tochter polnischer Emigranten und glühende Verehrerin Stalins, 1952 aus der UdSSR nach Paris zurückkehrt und die Wahrheit über seine Verbannung nach Sibirien und die Gefangenschaft in einem stalinistischen GULag erzählt. Im deutschen Kino und Fernsehen ist das trotz medialem Geschichtsboom bis in die Gegenwart ein Ausnahmethema geblieben. 2011 hat die Regisseurin Loretta Walz in dem von MDR und RBB produzierten Dokumentarfilm Im Schatten des Gulag. Als Deutsche unter Stalin geboren einige Kinder porträtiert, deren Eltern als Parteimitglieder in die Sowjetunion emigriert waren und später im Gulag Zwangsarbeit leisten mussten. Auch im Kinofilm In Zeiten abnehmenden Lichts (2017) kommen in der Figur von Saschas Vater Kurt (Sylvester Groth), einem Historiker und GULag-Überlebenden, der unglücklich mit einer Russin verheiratet ist, die stalinistischen Säuberungen und der Nicht-Umgang mit diesem Thema in der DDR zur Sprache.

Anders in der Historiografie: Nach dem Ende der kommunistischen Regime und der Öffnung der Archive waren die 1990er Jahre ein Jahrzehnt der kontroversen Debatte über den Einfluss und die Gewichtung der totalitären Terrorregime des Nationalsozialismus und des Stalinismus für die Entwicklung der europäischen Geschichte nach 1945. Über Jahre prägten „Das Schwarzbuch des Kommunismus“ und die Diskussion um Sinn und Unsinn des Vergleichs oder der Gleichsetzung von braunem und rotem Terror die Debatte. Auch wenn die deutsche Auseinandersetzung darüber vielfach entlang der ideologischen Gräben aus der Zeit vor 1989 verlief, sich an methodischen Schwächen aufhing und von der Angst vor Relativierung der NS-Verbrechen geprägt war, sorgte allein die summarische Auflistung der Opferzahlen für mehr Sensibilität gegenüber dem stalinistischen Terror in der SBZ/DDR und in Osteuropa. In den ostdeutschen Bundesländern gründeten sich Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft und Initiativen zum Gedenken an die Speziallager in der Sowjetunion und in Deutschland. Im Jahr des Erscheinens des Films war gedenkpolitisch und erinnerungskulturell jedoch von einer gewissen Stagnation auszugehen: Das Wissen über die Häftlingsgesellschaft in den Speziallagern konnte nach Anfangserfolgen kaum weiter ausgebaut werden, und das Gedenken an die Opfer nach 1945 stand noch immer tief im Schatten des Gedenkens an die Verbrechen des Nationalsozialismus.

Bernd Böhlich, der über viele Jahre zum Thema recherchiert hatte, sucht in seinem Film das Bild von der DDR auf die komplizierten Anfänge zu lenken, die „auch von Menschen im Westen mit Sympathie begleitet“ wurden. „Eine Alternative zum Kapitalismus schien nach dem Zweiten Weltkrieg notwendig und sinnvoll. Dass es ein Sozialismus sowjetischer Prägung wurde, gehört zur Tragik der Geschichte“, so der zweifache Adolf-Grimme-Preisträger in einem Interview (Neue Visionen 2019: 8). So zeigt der Film dann auch DDR-Funktionäre, die sich auf ihre Weise um Wiedereingliederung und Wiedergutmachung für anerkanntes, jedoch nicht benanntes Unrecht bemühen. Funktionär Silberstein bekennt im Film freimütig, dass das Leid und Schicksal der Frauen nichts mit Kommunismus zu tun gehabt habe. Böhlich wollte nicht nur um Verständnis „für eine schwierige politische Situation“ werben, sondern auch um Mitgefühl und Respekt für die Irrungen und das Scheitern der Hauptfigur Antonia, die im Herbst 1989 verbittert vor dem Scherbenhaufen ihres sozialistischen Alternativstaates steht. Damals allerdings wandte sich die Masse der Ostdeutschen nicht wegen unerzählter Vergangenheiten vom SED-Regime ab – ein Ereignis wie die Umbettung des ungarischen Reformpolitikers Imre Nagy im Juni 1989 hatte es in der DDR nicht gegeben –, sondern wegen einer blockierten Zukunft, für die auch Kommunisten mit stalinistischen Leiderfahrungen verantwortlich waren.

Die Schmerzen, so zeigt der Film, führen zu persönlicher Erfahrung, nicht jedoch zu gesellschaftspolitischer Erkenntnis. Niemand akzeptiert widerstandslos das eigene Durchleben als sinnlose Qual. Im Unterschied zur Figur der Irma wird Antonia durch ihre Entscheidung zu einer (sympathischen) Systemträgerin, zu der sich der Film empathisch bekennt. Damit wird in Auszügen das „Arrangement-Gedächtnis“ bedient, also die Erinnerung an diejenigen Momente, Entscheidungen und Geschehnisse, die zum Anpassen, Mitmachen und Einfügen in das Herrschaftssystem führten. All diejenigen, die sich bislang kaum mit den Folgen des totalitaristischen Erbes auseinandergesetzt haben – Schülerinnen und Schüler zum Beispiel –, werden daher den um Abstufung und Schattierung bemühten Film wahrscheinlich als eine Geschichtsstunde im besten Sinne historisch-politischer Bildung erleben.

Cineastisch überraschende Sichtweisen bietet Böhlichs Werk nicht. Dass biografische Zeit anders ticken kann als historische Zeit bzw. beides auseinanderlaufen oder auch Amnesie ein (über)lebensnotwendiges Vermögen sein kann, erzählt der Film nicht. Der Regisseur fokussiert sich stattdessen auf historische Differenzierung als tragendes Erkenntnisinteresse, ein Postulat, dem in Publizistik, Wissenschaft und anderen künstlerischen Medien längst gefolgt wird. Überdies endet die Filmhandlung kurz vor dem 17. Juni 1953 beziehungsweise vor dem XX. Parteitag der KPdSU 1956, wo Chruschtschow in seiner Geheimrede erstmals mit Stalins Terrorherrschaft abrechnete – die thematisierte sozialistische Vision der DDR-Anfangsjahre bleibt von diesen Zäsuren unberührt.

Empfehlung

Empfehlung des Autors

Mit seiner ungewohnten Perspektive leistet der Film einen ernst zu nehmenden Beitrag zur Auseinandersetzung mit den widersprüchlichen Anfängen der DDR. Er eignet sich in besonderer Weise für die historisch-politische Bildungsarbeit in Gedenkstätten, Schulen sowie weiteren Bildungseinrichtungen.

Literatur

Neue Visionen Filmverleih: UND DER ZUKUNFT ZUGEWANDT. Pädagogisches Begleitmaterial. Berlin 2019.

Empfohlene Zitierweise

Und der Zukunft zugewandt. In: Daria Gordeeva, Michael Meyen (Hrsg.): DDR im Film 2024, https://ddr-im-film.de/de/film/und-der-zukunft-zugewandt