Der Tangospieler

Kurzinformationen

Filmdaten

Titel
Der Tangospieler
Erscheinungsjahr
1991
Produktionsland
Originalsprachen
Länge
96 Minuten

Kurzbeschreibung

Der Film dreht sich um den Hobby-Pianisten und Historiker Hans-Peter Dallow, der Ende der 1960er Jahre nach einer Haftstrafe versucht, in sein Leben zurückzufinden und das Unrecht zu verarbeiten, das ihm widerfahren ist.

Schlagworte

Zeit
Schauplatz
Genre

Entstehungskontext

Beteiligte

Regie und Drehbuch

Roland Gräf (geboren 1934 in Meuselbach) war einer der erfolgreichsten und wichtigsten DEFA-Regisseure. Zu seinen Filmen gehören das Arbeiterporträt Bankett für Achilles (1975) und Die Flucht (1977). Nach dem Mauerfall konnte Gräf nicht an seine Erfolge in der DDR anknüpfen. „Die Einheit Deutschlands hat meinen Berufsweg beendet, jedenfalls das Filmemachen. Ich musste auch zuvor durchsetzen, was ich erzählen wollte, aber plötzlich hat sich niemand mehr für das interessiert, was die Öffentlichkeit aus meiner Sicht brauchte“, sagte er 2017 den Potsdamer Neuesten Nachrichten.  

Der Tangospieler war Gräfs vorletzte DEFA-Produktion. An dem Drehbuch arbeitete er, als Tausende die DDR verließen. Er selbst schloss diese Lösung für sich aus und war vielmehr der Meinung, die Menschen sollten bleiben und versuchen, vor Ort etwas zu verändern. Dieses Ideal schrieb er in die Hauptfigur Dallow ein – den Willen, das System von innen zu verbessern. Für Gräf war der Film „keine Abrechnung, sondern das Psychogramm eines ‚normalen‘ Bürgers im permanenten Spannungsfeld zwischen Ablehnung und Anpassung“ (Neues Deutschland).

Vorlage

Der Tangospieler basiert auf der gleichnamigen Erzählung von Christoph Hein von 1989. Hein ist ein preisgekrönter DDR-Schriftsteller, der zahlreiche Romane, Novellen, Erzählungen, Theaterstücke und Essays veröffentlicht hat. Inzwischen gilt er als „Chronist der deutsch-deutschen Verhältnisse“ (MDR). Heins DDR-Bild ist differenziert. Er kritisiert Staat und SED zwar (wie auch im Tangospieler), widersprach aber in der Süddeutschen Zeitung vehement dem „Gruselmärchen“, das der Film Das Leben der Anderen (2006) zeichnet und das sich zumindest teilweise auch auf sein eigenes Leben stützt („bunt durcheinandergemischter Unsinn“). An der Verfilmung von Der Tangospieler war Hein nicht beteiligt, allerdings billigte er in einem persönlichen Gespräch die Änderungen von Roland Gräf.

Produktion

Produzent Herbert Ehler (1931 bis 2017) studierte an der Deutschen Hochschule für Filmkunst in Potsdam-Babelsberg und am Gerassimow-Institut für Kinematografie in Moskau. Anschließend arbeitete er bei der DEFA. Zu seinen Filmen gehören Denk bloß nicht, ich heule (1965), Die Flucht (1977) und Die Architekten (1990).

Finanzierung

Die Kosten für den Film wurden von der DEFA gedeckt. Angaben zum Budget wurden nicht veröffentlicht.  

Werbung

Eine Werbekampagne im Wortsinn gab es nicht. Allerdings waren Buch und Autor bekannt. Außerdem hatte der Film seine Premiere auf der Berlinale 1991. All das dürfte dazu geführt haben, dass der Film im Gespräch war.

Das Filmplakat zeigt die Hauptfigur Hans-Peter Dallow in einer typischen Situation – in einem Lokal, bei trübem Licht, mit einer Zigarette in der Hand und einem Stapel Gläser vor Augen.

Seit 2013 gibt es den Film auf DVD (Icestorm Entertainment) – mit dem Regie-Debüt von Roland Gräf als Bonus (Mein lieber Robinson, 1970). Auch die DEFA Film Library der University of Massachusetts hat eine DVD herausgegeben (Bonusmaterial: Biografien und Filmografien der Beteiligten, ein 12-minütiges Gespräch des Regisseurs mit dem Filmhistoriker Michael Hanisch, ein Podcast von Christoph Hein über seine Buchvorlage und eine Timeline zum Prager Frühling).

Filminhalt

Handlung

Der Film spielt 1968 in Leipzig und erzählt auf sehr unaufgeregte Weise die Geschichte von Hans-Peter Dallow, Geschichtsdozent und Hobbypianist, der aus der Haft entlassen wird. Der Grund für seine Strafe bleibt lange offen: Er hatte in einem Studentenkabarett am Klavier gesessen und einen Text begleitet, der den Behörden nicht gefiel. Alle Beteiligten wurden verhaftet – auch Dallow, der kurzfristig eingesprungen war und nichts von alldem wusste.

Dallow versucht nun, wieder in das Leben zurückzufinden. Er sucht Arbeit und findet Elke. Über allem schwebt aber die Haftstrafe. Dallow wird immer wieder von zwei Männern bedrängt (Schulze und Müller), die ihm eine Uni-Stelle im Gegenzug für Spitzeldienste anbieten. Auch Begegnungen mit seinem Richter wühlen Dallow auf. Abstand findet er erst als Saisonkellner auf Hiddensee. Eine alte Kollegin erzählt ihm dort, dass seine Stelle als Oberassistent wieder frei sei. Dallow kehrt nach Leipzig zurück, aber man erfährt nicht, ob er sich dafür mit dem System arrangiert hat.

Zentrale Figuren

Hans-Peter Dallow (Michael Gwisdek) – 36 Jahre alt, ehemaliger Oberassistent am historischen Institut in Leipzig. Nach seiner Haftentlassung zunächst arbeitslos. Später Saisonkellner auf Hiddensee und schließlich wieder Unimitarbeiter. Dallow quält eine Haftstrafe, die er zu Unrecht absitzen musste. Er versucht, sich mit dem System zu arrangieren, das dieses Unrecht zugelassen hat.

Elke (Corinna Harfouch) – Ende 20, unabhängig, alleinerziehend. Arbeitet in einer Buchhandlung und wohnt mit ihrer Tochter auf wenig Raum. Elke trifft Dallow in einer Bar. Die Beziehung wird immer ernster. Elke ist keine überzeugte Sozialistin, hat sich aber mit der DDR arrangiert und versteht nicht, warum Dallow mit seiner Vergangenheit hadert.

Berger (Hermann Beyer) – der Richter, der Dallow verurteilte. Systemtreu, gesetzestreu. Ist zwar betroffen, als Dallow ihm sagt, dass er damals nur Ersatzmann war, räumt das Unrecht aber nicht ein. Berger weiß um seine Möglichkeiten und nutzt sie, als er Dallow ein Ultimatum stellt.

Herr Schulze (Peter Sodann, rechts) und Herr Müller (Reiner Heise) – zwei Männer, die behaupten, vom Stadtrat zu sein. Die beiden tauchen mehrmals unangekündigt bei Dallow auf und bieten ihm einen Deal an: ein guter Job gegen Spitzeldienste. Als Dallow ablehnt, weisen sie ihn darauf hin, dass sie nicht nur hilfreich sein können, sondern auch hinderlich.

Gesellschaftsbild

Der Tangospieler zeichnet eine triste DDR, in der das Individuum den Strukturen ausgeliefert ist. Das politische System schützt sich über Gesetze, willfährige Vollstrecker und Wächter ohne Vornamen. Nur wer sich den Regeln beugt, hat die Chance auf ein ruhiges Leben. Die Menschen haben diese Strukturen längst internalisiert. Dallow kann seinen Eltern noch so oft erzählen, dass er nichts Unrechtes getan hat. Sein Vater glaubt ihm einfach nicht: „Gefängnis bleibt Gefängnis“. Seine neue Liebschaft Elke erzählt ihrer Familie lieber erst gar nichts vom dunklen Fleck in der Vita Dallows und stellt ihn vor die Wahl. Entweder er zieht einen Schlussstrich unter die Vergangenheit oder es ist aus. Die Systemtreuen werden belohnt, können sich aber nie zu sicher sein. Kaum wird Dallows Regelverstoß bekannt, wird er am Institut durch eine bessere Version ersetzt (Jürgen Rössler). Das Blatt wendet sich jedoch später. Als Rössler selbst einen Fehler begeht (in Aussagen zum Prager Frühling), wird auch er sofort entlassen.

Ästhetik und Gestaltung

Die Darstellung der DDR in Der Tangospieler scheint aus heutiger Sicht typisch. Die Farbgebung wird dominiert von grau, beige, braun und schwarz. Die Welt, in die Dallow nach der Haft kommt, ist trostlos. Dichter Nebel, wohin das Auge auch blickt. Das Gefängnisgebäude ist ein übergroßer, grauer Klotz. In seiner Wohnung wird Dallow von Dunkelheit empfangen, von Staub und verdorbenen Lebensmitteln.

Später werden die Bilder etwas heller, aber die Erinnerung an Tristesse und Entbehrungen bleibt – sei es durch heruntergekommene Häuser, Elkes beengte Wohnung oder Dallows Versuche, sich in schwach beleuchteten Kneipen mit Alkohol und Zigaretten abzulenken.

Im krassen Gegensatz zu Dallows Alltag steht eine Parade zu Ehren der DDR. Auch hier ist die Umgebung grau, die Häuser und Straßen sind farblos. Die Menschenmenge aber hat schwarz-rot-goldene Farbtupfer und es spielt fröhliche Musik. Die Republik steht Dallow auch hier buchstäblich im Weg. Er muss Umwege fahren. Die Menge erinnert ihn zugleich daran, dass er nicht mehr dazugehört. Auf Hiddensee sind die Tage unbeschwerter und heller. Die grüne Weite der Insel ist eine Abwechslung zur Enge der Stadt. So wird auch auf der Bildebene klar, dass Dallow hier Abstand zu seiner Vergangenheit findet.

Authentizität

Strategien der Authentizitätskonstruktion

Der Tangospieler sagt nicht, dass der Film auf wahren Begebenheiten beruht. Authentizität ist schon dadurch gesichert, dass der Autor der Buchvorlage ein Ostdeutscher ist, dass es sich um eine DEFA-Produktion handelt und dass alle Beteiligten aus der DDR stammen. Gedreht wurde in Potsdam, Berlin, Leipzig und auf Hiddensee rund um den Mauerfall. Wir finden hier also ein filmisches Abbild der ‚echten‘ DDR, auch wenn die Handlung 20 Jahre früher spielt. Im Film wird außerdem authentisches Bildmaterial des Prager Frühling verwendet.

Rezeption

Reichweite

Seine Premiere feierte der Der Tangospieler am 18. Januar 1991 im Rahmen der Internationalen Filmfestspiele Berlin. In die deutschen Kinos kam der Film zehn Tage danach, am 28. Februar 1991. Später lief er auch in den USA (Kinostart: 3. November 1993) und in Polen. Angaben zum Kassenerfolg wurden nicht veröffentlicht.

Im deutschen Fernsehen lief Der Tangospieler zwei Jahre später im Ersten. Seitdem gab es mehrere Wiederholungen in Regional- und Spartenprogrammen der ARD. Außerdem kann Der Tangospieler im Netz gestreamt werden.

Der Tangospieler wurde auf mehreren kleineren Filmfestivals gezeigt: etwa auf dem 31. Filmfestival Max Ophüls Preis (18. Bis 24. Januar 2010), auf dem 13. Berlin Filmfestival (am 22. April 2017) sowie auf den 15. Merseburger DEFA Filmtagen (6. bis 8. März 2020).

Rezensionen

An Roland Gräfs Filmversion von Der Tangospieler scheiden sich die Geister. Die Süddeutsche Zeitung war voll des Lobes, sprach von einem wichtigen Film, „der davon erzählt, wie sich Menschen in einem System arrangieren“ und attestiert Roland Gräf „präzises Erinnern“ ohne jegliche Rührseligkeit (Althen 1991: 15). Andreas Kilb warf dem Film in der Zeit dagegen genau das vor: übertriebene Sentimentalität beim Blick auf die Vergangenheit.

Auch Hauptdarsteller Michael Gwisdek wurde unterschiedlich beurteilt. Für das Neue Deutschland lieferte Gwisdek schlicht zu wenig, er sei „zu sparsam im Spiel“. Wilhelm Roth hebt Gwisdeks Darstellung in seiner Rezension für epd hingegen als besonders positiv hervor. Er sei ein sehr authentischer Hauptdarsteller, dem man anmerke, dass ihm die Geschichte seiner Rolle nicht fremd ist.

Einig war man sich beim Vergleich mit der literarischen Vorlage – vom Spiegel über das Neue Deutschland bis zur epd. Die Schärfe des Romans, das „klamme Entsetzen“ (Neues Deutschland) ob der verzweifelten Situation des Hauptcharakters seien im Film einer Milde gewichen, die aus der „kritischen Parabel des Pfarrerssohns [Hein]“ (Spiegel) einen nostalgischen Rückblick gemacht habe.

Die Rezension der New York Times zum US-Kinostart fiel ähnlich ambivalent aus. Es gab zwar Lob für die realitätsnahe Darstellung der DDR, dem Film fehle es jedoch an Dramatik. Mit Blick auf die Sehgewohnheiten des US-Publikums wird zudem vermerkt, dass der Film ausschweifend und etwas zu lang sei.

Auszeichnungen

Der Tangospieler wurde mit folgenden Preisen ausgezeichnet:

  • Prädikat (Deutsche Film- und Medienbewertung, FBW, 1990): wertvoll
  • Prädikat (Deutsche Film- und Medienbewertung, FBW, 1991): wertvoll
  • Deutscher Filmpreis (1991): Filmband in Gold als bester Schauspieler (Michael Gwisdek)
  • Deutscher Filmpreis (1991): Filmband in Silber für den Film
  • IX. Internationales Filmfestival Bergamo 1991: 1. Preis (die goldene "Rosa Camuna")

Wissenschaftliche Aufarbeitung

Als eine der letzten DEFA-Produktionen erfuhr der Film auch in der wissenschaftlichen Forschung Aufmerksamkeit. Dabei steht Der Tangospieler jedoch meist nicht im Mittelpunkt, sondern wird mit Filmen wie Das Leben der Anderen (2006) verglichen (Bathrick 2013) oder nur am Rande erwähnt (Gersch 1993: 323, Berghahn 2016: 318).

Im Sammelband DEFA after East Germany (Wagner 2014) gibt es zwei Beiträge zum Film: einen Aufsatz über die Rolle der Stasi (Kapczynski 2014) sowie ein Interview mit Roland Gräf, hier ergänzt durch eine Rezension aus der taz (Sveholm 2014).

Erinnerungsdiskurs

Der Tangospieler zeigt eine graue DDR. Dieses Land ist weder schwarz (Diktatur) noch weiß (der sozialistische Traum von Gleichheit und Gerechtigkeit). Der Film zeigt Menschen, die versuchen, sich mit den Gegebenheiten zu arrangieren, um ein normales Leben führen zu können. Es geht um Anpassung in einem System, das keinen Widerspruch zulässt und in dem nur die innere Emigration als letzter Ausweg bleibt. Staatliche Willkür und billigend in Kauf genommenes Unrecht schreiben sich in den Habitus der Figuren ein. Der Film lässt sich somit an der Grenze zwischen Arrangement- und Diktaturgedächtnis einordnen (Sabrow 2009). Die Rezensionen zeigen, dass die Authentizität dieser DDR-Abbildung nicht angezweifelt wurde. Dem Film wurde ein realitätsnahes, „präzises Erinnern“ attestiert, möglicherweise mit einem etwas zu wohlwollenden, leicht nostalgischen Blick auf die Vergangenheit.

Empfehlung

Empfehlung der Autorin

Der Tangospieler ist mit seinem fast schon kammerspielartigen Erzählstil weit weg von heutigen Sehgewohnheiten. Wer Realismus mag und sich für DEFA-Filme interessiert, könnte hier trotzdem auf seine Kosten kommen.

Literatur

Michael Althen: Handeln und Fühlen. Filme von Gräf, Grede, Aristow und Doillon. In: Süddeutsche Zeitung vom 22. Februar 1991, S. 15

David Bathrick: Der Tangospieler: Coming in from the Cold Once and for All? The Lives of Others as Cold War Spyfilm. In: Paul Cooke (Hrsg.): The Lives of Others and Contemporary German Film: A Companion. Berlin 2013: De Gruyter, S. 121-138

Daniela Berghahn: DEFA’s Afterimage. Looking back at the East from the West in Das Leben der Anderen [The Lifes of Others, 2006] and Barbara (2012). In: Seán Allan, Sebastian Heiduschke (Hrsg.): Re-Imagining DEFA. East German Cinema in its National and Transnational Contexts. New York: Berghahn 2016, S. 312-334

Wolfgang Gersch: Film in der DDR. In: Wolfang Jacobsen, Anton Kaes, Hans Helmut Prinzler (Hrsg.): Geschichte des deutschen Films. Stuttgart: J.B. Metzler 1993, S. 323-364

Jennifer Kapczynski: Surveillance States: Structures of Conspiracy in Wende Cinema. In: Brigitta Wagner (Hrsg.): DEFA after East Germany. Rochester, New York: Camden House 2014, S. 154-173

Martin Sabrow: Die DDR erinnern. In: Martin Sabrow (Hrsg.): Erinnerungsorte der DDR. München: C.H. Beck 2009, S. 11-27

Nicholas Sveholm: Der Tangospieler (1991). In: In: Brigitta Wagner (Hrsg.): DEFA after East Germany. Rochester, New York: Camden House 2014, S. 260-264

Empfohlene Zitierweise

Der Tangospieler. In: Daria Gordeeva, Michael Meyen (Hrsg.): DDR im Film 2022, https://ddr-im-film.de/de/film/der-tangospieler