Lilly unter den Linden

Kurzinformationen

Filmdaten

Titel
Lilly unter den Linden
Erscheinungsjahr
2002
Produktionsland
Originalsprachen
Länge
88 Minuten

Kurzbeschreibung

Nach dem Tod ihrer Mutter möchte die 13-jährige Lilly Ende 1988 von Hamburg nach Jena umziehen. Dort lebt ihre Tante Lena. Lillys Plan scheitert an den politischen Verhältnissen im geteilten Deutschland. Der Film erzählt eine bewegende Familiengeschichte aus der Perspektive eines Kindes und beleuchtet dabei die Unterschiede in den Lebensverhältnissen zwischen West und Ost, die Herrschaftsmechanismen in der DDR und die durch die Teilung bedingten familiären Schicksale.

Schlagworte

Zeit
Schauplatz
Genre

Entstehungskontext

Beteiligte

Regie

Erwin Keusch wurde mit TV-Krimis aus den Reihen Tatort, Polizeiruf 110, Doppelter Einsatz und Bella Block bekannt. Keusch ist Schweizer und Mitglied der Deutschen Filmakademie, die Recherche zeigte keine besondere Verbindung zur DDR. Zu seinen größten Erfolgen zählen Das Brot des Bäckers (1976, Filmband in Silber, Ernst-Lubitsch-Preis) und Der Flieger (1987, Nominierung Deutscher Filmpreis als Bester Spielfilm). Keusch geht in seinen Arbeiten auf persönliche Schicksale ein, zeigt den Menschen in seiner Bedingtheit, z.B. auch in dörflichen, kleinbürgerlichen oder großstädtischen Strukturen.

Drehbuch

Das Drehbuch wurde von Anne Charlotte Voorhoeve verfasst und war ihr Erstlingswerk. Der Stoff wurde 2002 von der Leipziger Polyphon im Auftrag des MDR und Arte verfilmt. Zwei Jahre später erschien Lilly unter den Linden als Roman, 2008 folgte die Umsetzung als Bühnenstück. Voorhoeve greift in ihren Büchern zeitgeschichtliche Themen auf (z.B. Kindertransporte aus Nazi-Deutschland nach England oder die Gentrifizierung). Sie selbst ist in Westdeutschland geboren und aufgewachsen, die Recherche zeigte keine besondere Verbindung zur DDR. In Lilly unter den Linden betont Voorhoeve die verschiedenen Blickwinkel auf die DDR. Erwachsene versus Kinder, Westdeutsche versus Ostdeutsche, DDR-Kulturmilieu versus Stasi.

 

Produktion

Lilly unter den Linden wurde von Polyphon Leipzig für MDR und Arte produziert. 2015 ging das Unternehmen in der Polyphon Film- und Fernsehgesellschaft mbH auf, die jetzt ihren Sitz in Berlin hat.

Finanzierung

Lilly unter den Linden wurde von der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein unterstützt.

Filminhalt

Handlung

Die Mutter der 13-jährigen Lilly ist schwer krank und stirbt schon bald. Lillys Vater ist bereits kurz nach ihrer Geburt bei einem Unfall ums Leben gekommen. Da sich auch der Freund der Mutter nicht um sie kümmern kann – er ist Fotograf und viel im Ausland unterwegs – wohnt Lilly im Internat. Ihre einzige noch lebende Verwandte ist Lena, die Schwester ihrer Mutter. Lilly hat ihre Tante noch nie gesehen. Denn Lena lebt in Jena, in der DDR, die Behörden haben bisher jeden Antrag auf eine Reise in den Westen abgelehnt. Erst zur Beerdigung bekommt sie ein Visum, aber auch nur für einen Tag.

Lilly und Lena verstehen sich sofort sehr gut, Lilly möchte deshalb zu ihrer Tante nach Jena ziehen. Sie kann nicht begreifen, warum es nicht möglich sein soll, von der BRD in die DDR auszureisen. Die Sehnsucht nach der Familie ist groß. Zumal sich Lilly stark mit Lena verbunden fühlt. Einer Schulfreundin zeigt sie im Fotoalbum Bilder ihrer Eltern, die in Ost-Berlin aufgenommen worden sind, vor dem Berliner Dom „unter den Linden“. Als das Jugendamt vorschlägt, Lilly in eine Pflegefamilie zu geben, steht Lillys Entschluss fest: Sie will zu ihrer Familie nach Jena. Sie überredet Pascal, für sie beide ein Tagesvisum für Ost-Berlin zu besorgen. Pascal fährt Lilly daraufhin mit dem Auto nach Ost-Berlin, sie besucht auch kurz die Stelle vor dem Berliner Dom, die auf dem Bild mit ihren Eltern zu sehen ist. Von Ost-Berlin aus nimmt Lilly den Zug nach Jena.

 Der Empfang ist allerdings nicht sehr herzlich. Denn es ist nicht Lena, die die Tür öffnet, sondern Lillys Cousine Katrin. Und die ist eifersüchtig auf Lilly und hat Angst, dass deren Besuch der Familie neue Probleme mit den Behörden bescheren könnte. Lilly versteckt sich im Gartenschuppen. Dort wird sie von ihrem Cousin Till entdeckt, der sie schließlich zu seinen Eltern bringt. Lilly erfährt von Till, dass die Ablehnung ihrer Cousine Gründe hat: Katrin war bis zu ihrem dritten Geburtstag in einem Kinderheim, da ihre Mutter in dieser Zeit im Gefängnis saß. Lena war dafür bestraft worden, dass sie ihrer Schwester Rita bei der Flucht in den Westen geholfen hatte. Nach einem heftigen Streit zwischen Lena und Katrin kommt es zur Aussprache. Katrin steht Lilly nun offen gegenüber. Trotzdem kann Lilly nicht in Jena bleiben. Obwohl Lena und ihr Mann Rolf einen ehemaligen Studienfreund und Stasi-Mitarbeiter um Hilfe bitten, wird Lilly lediglich ein Visum für eine Woche ausgestellt. Bei ihrer Abreise zurück nach Hamburg schenkt Till ihr einen selbstgebastelten Kalender für das Jahr 1989. Lilly sagt: „Wir sehen uns wieder.“

Zentrale Figuren

Lilly Engelhart (Cornelia Gröschel) ist ein 13-jähriges Mädchen aus Hamburg. Ihre Mutter ist schwer krank und stirbt schließlich. Lillys Vater ist kurz nach ihrer Geburt bei einem Bergunfall ums Leben gekommen. Sie lebt in einem Internat, da sie keine Verwandten mehr hat, die sich um sie kümmern können.

Rita Engelhart (Susanne Hoss) ist Lillys Mutter. Sie ist als junge Frau aus der DDR geflohen, nachdem sie bei einem Besuch in Ost-Berlin einen Hamburger kennen und lieben gelernt hatte. Sie ist schwer krank und stirbt schon bald.

Pascal (Daniel Morgenroth) ist der Freund von Lillys Mutter. Er ist ein gefragter Fotograf und viel unterwegs. Ritas Krankheit kann er nicht ertragen, er nimmt deshalb Aufträge in Übersee an, „um nicht hier sein zu müssen“. Er mag Lilly, will die Verantwortung für ihre Erziehung aber nicht übernehmen.

Lena Wollmann (Suzanne von Borsody) ist Lillys Tante. Sie lebt in Jena. Sie hat ihrer Schwester bei der Flucht geholfen und musste dafür drei Jahre ins Gefängnis. Nach der Entlassung durfte sie nicht mehr als Lehrerin arbeiten. Lena ist Buchhändlerin und tritt abends mit ihrer Band in Kneipen auf. Sie schreibt und singt auch regimekritische Lieder.

Rolf Wollmann (Roland Schäfer) ist Lenas Ehemann. Er betreibt einen Verlag und kann deshalb gelegentlich in den Westen reisen. Rolf ist darauf bedacht, keine Regeln zu verletzen, er will keinen Ärger bekommen.

Katrin und Till sind Lenas und Rolfs Kinder. Während der jüngere Till seine Cousine mag und sie mit offenen Armen aufnimmt ist die pubertierende Katrin anfangs eifersüchtig. Sie macht Lilly dafür verantwortlich, dass sie nach der Festnahme und Verurteilung ihrer Mutter drei Jahre ins Heim gehen musste.

Theresa ist eine Freundin von Lillys Vater. Sie hat Rita ihren Pass gegeben, so dass diese unter Theresas Namen aus der DDR ausreisen konnte. Später meldete sie den Pass als verloren. Theresa ist Schauspielerin.

Gesellschaftsbild

Die intakte Familie ist die im Osten. Innerhalb der vier Wände der Familie Wollmann herrscht Harmonie und gegenseitiges Verständnis. Eltern und Kinder essen und musizieren gemeinsam, Tills Geburtstag wird mit Girlanden und Torte gefeiert, als Überraschung bekommt er ein Fahrrad. Demgegenüber ist Lillys Leben trist. Die geliebte Mutter stirbt, der Freund der Mutter flieht vor der Verantwortung, sie lebt im Internat. Bei der Beerdigung sitzt sie ganz allein in der ersten Reihe. Erst als ihre Tante Lena kommt, ist jemand bei ihr und hält ihr die Hand.

 

Das Leben der Wollmanns erscheint zunächst erfüllt. Lena arbeitet im Buchladen, spielt auf dem eigenen Klavier. Rolf besitzt einen Verlag, reist auch in den Westen und bringt seiner Frau von dort Geschenke mit. Die Wohnung ist einfach, aber gemütlich. In Katrins Zimmer hängen ebenso wie in Lillys Poster von Stars aus dem Westen (z.B. Depeche Mode, Patrick Swayze). Als Lena jedoch einen Antrag auf ein Visum stellt, um ihre todkranke Schwester in Hamburg zu besuchen, kommen Ängste auf. Der Antrag wird abgelehnt, die zuständige Beamtin ist kühl und ohne Mitgefühl für das Familienschicksal. Rolf beschwört seine Frau, vernünftig zu sein, damit sie keine Probleme bekommen. Er erinnert an die Konsequenzen, die es hatte, als Lena ihrer Schwester bei der Flucht in den Westen half: Lena musste ins Gefängnis und dufte nie wieder als Lehrerin arbeiten, Katrin wurde ins Heim geschickt, weil Lena und Rolf zu diesem Zeitpunkt noch nicht verheiratet waren („Du machst denselben Fehler wie damals, setzt wieder alles aufs Spiel“). Später erzählt Rolf Lilly, dass er seine Schwägerin Rita im Zuge einer Reise zur Frankfurter Buchmesse getroffen hat. Er wurde „verpfiffen“ und hatte bei seiner Rückkehr eine „ernste Unterredung“. Als Rolf auf Lenas Wunsch einen ehemaligen Studienfreund und Stasi-Mitarbeiter um Hilfe bittet, damit Lilly bei ihnen bleiben kann, wird die Furcht vor dem Überwachungsstaat greifbar. Rolf ist nervös, wirkt unterwürfig. Und erschrickt spürbar, als der Stasi-Mann lachend erklärt: „Hast Du wirklich gedacht, wir wüssten das nicht?“

Eine der zentralen Szenen ist Lenas Auftritt in einer Kneipe. Sie spielt dort mit ihrer Band, sitzt am Klavier und singt leidenschaftlich:

„Suche Seele, suche […] Ob im Osten oder Westen, wo man ist, ist`s nie am besten. […] Freiheit, Freibier, Frieden sind der Seele doch nicht beschieden. Fluche Seele, fluche.“

Ihr Mann Rolf singt lauthals mit, ein kleines Zeichen von Aufbegehren. Die Kneipenbetreiberin ist nach dem Auftritt jedoch besorgt: „Dieses Lied war nicht abgesprochen. Du weißt doch, dass sie derzeit wieder so nervös sind.“

 

Eine weitere Schlüsselszene thematisiert schon ziemlich am Anfang die Unterschiede zwischen Ost und West. Lena und Lilly stehen nach der Beerdigung in der dunklen Hamburger Wohnung der toten Mutter und sehen auf die Straße. Lena: „Wenn Du die Augen zukneifst und wieder leicht öffnest, dann siehst Du alles etwas verschwommen. Dann könnte man fast meinen, Du bist bei uns. Das hätte ich auch nie gedacht. Der Schein der Straßenlaternen, alte Häuser, Autos, die übers Kopfsteinpflaster knattern. Und dann machst Du die Augen wieder auf. Peng. Alles wie verzaubert. Funkelnagelneu.“ Lilly möchte wissen, ob Lena nie daran gedacht hat zu türmen. Lena: „Das ist ja mein Zuhause. Und dass einem immer alles gefällt, das gibt es sowieso nicht.“

 

Die schwierigere wirtschaftliche Situation im Osten klingt in drei weiteren Szenen an. Pascal besorgt Lena Disketten. Als sie den Preis hört, erschrickt sie, sie hätte sich das nicht leisten können. Pascal erwidert nur: „Das ist doch kein Problem.“ Wieder zu Hause sitzt Lena an der Nähmaschine, als Katrin erwähnt, dass sie gerne etwas Neues zum Anziehen hätte. Lena: „Ich habe schöne Blusenstoffe gesehen, da kann ich dir was machen.“ Lilly dagegen trägt Jeans der Marke Levis. Als Lilly später während ihres Aufenthalts in Jena mit Lena einkaufen geht, bestellt ihre Tante für sie ein Kilo Apfelsinen. Die Leute hinter ihr in der Schlange murren, haben Angst, dass für sie nichts mehr übrigbleibt. Lilly ist zudem mit der Qualität der Ware nicht zufrieden: „Die ist aber nicht schön, dafür möchte ich bitte eine andere haben.“ Im Laden ist Lena diese Bemerkung Lillys unangenehm, draußen muss sie schmunzeln. Ein Kind aus der DDR hätte niemals so reagiert, sondern wäre einfach froh gewesen, überhaupt eine Apfelsine zu bekommen.

 

An einigen Stellen gibt es kleine Bemerkungen der Protagonisten über das Leben auf der jeweils anderen Seite. So meint Rolf einmal, Lilly gehe es bestimmt gut, „die sitzt jetzt in ihrem Partykeller, oder was man da drüben so macht.“ Die Sozialarbeiterin, die Lilly betreut, hält ihre Idee, in die DDR zu gehen, für unvernünftig. Schließlich seien die Lebensverhältnisse doch ganz andere. Als Lilly erwähnt, dass es laut ihrer Tante dort fast genauso aussehe wie in der BRD, reagiert die Sozialarbeiterin ungläubig, zieht spöttisch die Augenbrauen hoch: „Hier kannst Du in der alten Schule bleiben, hast ein eigenes Zimmer und vielleicht einen Hund, hier hast Du was fürs Leben. […] Drüben sind die Lehrpläne ganz anders, Du hast ja auch gar nicht Russisch gelernt.“ Sie schlägt vor, den Verwandten drüben zu schreiben. Und: „Päckchen haben sie auch immer gerne.“

 

Pascal fürchtet auf der Fahrt nach Ost-Berlin, verhaftet zu werden. Als er wegen einer Geschwindigkeitsübertretung aufgehalten wird, reagiert er sichtlich verunsichert. Die DDR-Beamten ahnden die Verfehlung mit einem Bußgeld, nicht ohne den Hinweis zu geben, dass „Schilder mit einer 80 drauf drüben genauso aussehen“. Lilly dagegen ist während der Fahrt völlig unbedarft und singt im Auto aus vollem Hals Lindenbergs „Sonderzug nach Pankow“ mit, dichtet Pankow allerdings in Berlin um. Nach der Grenze ruft sie fröhlich: „Hurra, wir sind drin“. Pascal ermahnt sie eindringlich, leise zu sein.

Ästhetik und Gestaltung

Es ist Herbst – und zwar sowohl in Hamburg als auch in Jena. Die Farben sind überall gedämpft, aber nicht trostlos. Die Atmosphäre in der Wohnung der Wollmanns ist gemütlich, heimelig, sehr viel wärmer als im Krankenzimmer von Lillys Mutter oder in Lillys Zimmer im Internat. Die Möbel in Jena sind zwar älter, die Fensterrahmen abgenutzter als in der großen Altbauwohnung in Hamburg (die Pascal nach dem Tod von Lillys Mutter sehr schnell aufgibt), aber das Licht ist in Jena nicht so grell und kühl.

 

Im Westen sieht man neue Autos, Models sitzen in einem Fotostudio, in dem Pascal an einer Werbeproduktion beteiligt ist. Überall Blitzlichter. Lillys Sozialarbeiterin bestellt sich bei einer Schiffsrundfahrt einen großen Eisbecher, Lilly nimmt ganz selbstverständlich ein Stück Kuchen. Bei den Wollmanns dagegen wird gegessen, was da ist, auch öfter mal nur Kartoffeln.

 

Die Musik zum Film stammt von Rainer Oleak, einem ostdeutschen Komponisten (geboren 1953). Oleak absolvierte die Musikhochschule Hanns Eisler Berlin und gründete die Bands Neumis Rock Circus und Datzu. Die Musik ist bisweilen melancholisch, die Texte kreisen um den Sinn des Lebens, um Vergangenheit, Zukunft, Trauer und Hoffnung. Lena legt in einer Szene eine Platte auf, die sie zuvor bewusst ausgewählt hat. Dann hört man: „Es war vor einem Jahr…“

Authentizität

Strategien der Authentizitätskonstruktion

Sehenswürdigkeiten bilden Fixpunkte im Film, die Lilly (und dem Zuschauer) zur Orientierung dienen. Ihre Tante Lena hatte ihr den Weg zum Haus ihrer Familie genau beschrieben, so dass es Lilly alleine findet, obwohl sie noch die dort war. Lilly kommt bei der Anreise am Ernst-Abbe-Denkmal (Abbe war Physiker, Kollege von Carl-Zeiss und Sozialreformer) vorbei, das am Carl-Zeiss-Platz steht. Das Denkmal kommt immer wieder vor und steht stellvertretend für Jena. Der Berliner Dom, wo sich Lillys Eltern trafen (er steht eigentlich nicht direkt an der Straße Unter den Linden, sondern auf der Museumsinsel), schafft eine Verbindung zwischen West und Ost, auch während Lillys Reise.

 

Das Straßenbild in Jena ist geprägt von Trabbis und Wartburgs. Am Bahnhof patrouillieren streng blickende Grenzsoldaten. Am Bahnsteig sind Parolen zu sehen (weiße Schrift, roter Untergrund), z.B. „Alles für das Wohl des Volkes und den Frieden“. Die Wohnung der Wollmanns ist klein, die Farbe blättert ab, der Vorhangstoff scheint aus den 1970er Jahren zu sein. Im Gang sind Aufputzleitungen zu sehen, die Tapeten sind zerrissen. Immer wieder spielt das Heizen eine Rolle. In den Schlafzimmern stehen Kohleöfen, die auch nachts geschürt werden müssen, weil es sonst zu kalt ist. Als Lilly morgens lüften möchte, wird sie von Katrin zurückgehalten, heizen sei schließlich teuer. Im Laden stehen die Menschen dicht gedrängt in der Schlange, der Laden selbst ist sehr klein. Lillys Cousine Katrin hat nur wenig neue Sachen, die Bücher wirken abgegriffen. Die Besitzerin der Bar, in der Lena mit ihrer Band auftritt, beneidet Lena für die Schminke, die ihr Rolf aus dem Westen mitgebracht hat.

 

Den ehemaligen Studienkollegen und Stasi-Mitarbeiter findet Rolf in derselben verrauchten Kneipe, in der er ihn schon vor Jahren um Hilfe für Lena gebeten hat. Der Mann hält dort Hof, wirkt überheblich, genießt die Macht, die er über Rolf hat.

Rezeption

Reichweite

Lilly unter den Linden wurde am 14. Juni 2002 erstmals auf Arte gezeigt. Seitdem ist der Film insgesamt 50mal wiederholt worden (Das Erste, rbb, einsplus, MDR, 3Sat, einsfestival, SRF1, BR, one) und lief zuletzt am 2. April 2020 im MDR.

Rezensionen

Der Medienjournalist, ehemalige Grimme-Juror und FSF-Prüfer Rainer Tittelbach schreibt im April 2020 anlässlich einer Wiederholung von Lilly unter den Linden: „Der gut gespielte und inszenierte Film läuft Gefahr, durch den kindlich-naiven Blick der Heldin die politische Wirklichkeit zum Rührstück zu verklären. Die MDR-Produktion schwankt zwischen „Heidi“-Schmalz und Familienalltag aus dem realen Sozialismus.“ TV Spielfilm resümiert: „Überjemacht einmal anders herum: klasse!“ Die Fernsehzeitschrift Prisma ist weniger begeistert: „Erwin Keusch […] drehte ein teilweise recht dröges Drama um Familienzusammenführung wider Willen mit soliden Darstellern und einigen Gelegenheiten, zum Taschentuch zu greifen.“ Im Lexikon des internationalen Films heißt es: „Emotional aufgeladene Familiengeschichte, die die Absurdität der politischen Verhältnisse und Systeme erfahrbar macht; das Hauptaugenmerk ist auf die Stärke der Familie gerichtet.“

Erinnerungsdiskurs

Die Grundidee des Films wirkt revolutionär: Ein Mädchen aus der BRD will unbedingt in die DDR und flüchtet schließlich über die Grenze. Eine Umkehrung der Verhältnisse. Für Lilly erscheint das aber ganz logisch, weil ihr die Politik egal ist. Sie will einfach eine Familie haben, die sie liebt und bei der sie sich geborgen fühlen kann. Gerade dieses Grundmotiv – Familie in der DDR konnte ein behüteter Ort sein – macht den wesentlichen Beitrag von Lilly unter den Linden zum Erinnerungsdiskurs aus. Trotz der Repressalien, trotz der Überwachung, trotz der Mangelwirtschaft – oder gerade deshalb – übernehmen die Menschen für einander Verantwortung, während der Wessi-Fotograf seine Freundin alleine sterben lässt.

 

Der unverstellte Blick des Kindes enthüllt zudem die Vorurteile und Klischees auf beiden Seiten. Zum Beispiel, wenn die Sozialarbeiterin ihr rät, Päckchen in den Osten zu schicken, weil die Verwandten da drüben das immer gerne mögen. Oder wenn der Onkel sich nicht vorstellen kann, dass die Nichte in der DDR glücklich werden kann, weil sie einen anderen Lebensstandard gewohnt ist. Glück wird hier mit wirtschaftlichem Wohlstand gleichgesetzt, weil der Kapitalismus das suggeriert. Aber nicht nur Lilly demaskiert die Erwachsenen, sondern auch Kathrin und Till. Till ist es, der Lilly erzählt, welche Konsequenzen die Flucht ihrer Mutter für Lena und ihre Familie hatte. Und Kathrin ist es, die die offene Aussprache dazu erzwingt. Bisher war das meiste tot geschwiegen worden. In West und Ost.

Vielfach halten sich jedoch die Stereotype: der schmierige, überhebliche Stasi-Mann, der über alles und jeden Bescheid weiß. Die empathielose Bürokratin, die das Ausreise-Visum verweigert. Die heiß ersehnten Apfelsinen. Der linientreue Abschnittsbevollmächtigte von der Polizei. Die mutige, belesene Akademikerin, die regimekritische Lieder textet und öffentlich vorträgt. Der etwas vertrocknete Verlagsmann und ewige Bedenkenträger, der seine Privilegien nutzt, sich aber ansonsten still verhält.

Der Film ist in erster Linie für Kinder gemacht. Dennoch fordert er auch die Erwachsenen und ihre Bewertungsmuster heraus. Ist Geborgenheit in der Familie wichtiger als (wirtschaftliche) Freiheit? Konnte man vielleicht in der DDR glücklicher sein als im Westen?

Empfohlene Zitierweise

Lilly unter den Linden. In: Daria Gordeeva, Michael Meyen (Hrsg.): DDR im Film 2022, https://ddr-im-film.de/de/film/lilly-unter-den-linden