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ZDF/Steffen Junghans

An die Grenze

Kurzinformationen

Filmdaten

Titel
An die Grenze
Erscheinungsjahr
2007
Produktionsland
Originalsprachen
Länge
110 Minuten

Kurzbeschreibung

An die Grenze erzählt vom Leben, den Freuden und den Sorgen in einer Kaserne an der innerdeutschen Grenze im Sommer 1974. 

Schlagworte

Zeit
Genre

Entstehungskontext

Beteiligte

Regie

Urs Egger wurde 1955 in der Schweiz geboren. Er absolvierte sein Regiestudium in Los Angeles und zog in den frühen 1990er Jahren nach Berlin. Dort war er hauptsächlich für Produktionen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens verantwortlich. Eggers drehte zwar verschiedene Kino- und Fernsehfilme, die sich mit dem Nachkriegsdeutschland auseinandersetzten, An die Grenze war jedoch sein erster Film mit dem DDR-Fokus. Später folgte der Film Kranke Geschäfte (2020), der die Medikamentenversuche in Ostdeutschland aufgreift.

Drehbuch

Der Theaterwissenschaftler Stefan Kolditz wurde 1956 als Sohn des DEFA-Filmregisseurs Gottfried Kolditz in Brandenburg geboren. Er wuchs in der DDR auf und trat ab Mitte der 1970er Jahre seinen Wehrdienst an der deutsch-deutschen Grenze an. Seine Erfahrungen als Soldat beeinflussten das Drehbuch für An die Grenze. Kolditz hat bereits an verschiedenen Filmen über die DDR mitgewirkt, so auch bei der DEFA-Produktion Die Entfernung zwischen dir und mir und ihr, wo er 1988 auf dem 5. Nationalen Spielfilmfestival der DDR für das Drehbuch ausgezeichnet wurde. Er war auch an der Neufassung des Films Nackt unter Wölfen (2015) beteiligt. Die Romanvorlage von Bruno Apitz war in der DDR Pflichtlektüre. Die Erstverfilmung von Frank Beyer (1963) ist eine der wichtigsten DEFA-Produktionen.

Produktion

An die Grenze ist eine Produktion der Kölner Firma Colonia Media (seit 2014 Teil der Bavaria Fernsehproduktion) für das ZDF. Produzent Christian Granderath wurde 1959 in Lünen geboren, studierte unter anderem Geschichte und war an vielen Produktionen für das öffentlich-rechtliche Fernsehen beteiligt. An die Grenze ist sein erster Film mit DDR-Thematik. Er selbst sagte über seine Erfahrung mit Grenzsoldaten (Blickpunkt): „Ich kannte DDR-Grenzsoldaten nur als schikanöse Kontrolleure mit der Kalaschnikow bei meinen Reisen nach Westberlin“. Später war Granderath an den Redaktionsarbeiten für den Film Der Turm (2012) beteiligt, der das Leben einer Akademiker-Familie in der DDR beleuchtet.

Finanzierung

Der Film wurde von der Filmstiftung NRW mit 500.000 Euro und von der Mitteldeutschen Medienförderung mit 400.000 Euro gefördert. Das Gesamtbudget lag bei knapp zwei Millionen Euro.

Werbung

An die Grenze hat einen Trailer (zur Grimme-Preis-Verleihung 2008), aber keine Plakate oder Bonusmaterialien. Der Film steht auf der Seite Chronik der Mauer, einem Langzeit-Kooperationsprojekt des Leibniz-Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF) mit der Bundeszentrale für politische Bildung und dem Deutschlandradio. Das Projekt beschäftigt sich mit der multimedialen Aufarbeitung der Geschichte der Berliner Mauer von 1961 bis 1989/90. Der Film wurde unter anderem am 8. August 2011 zur Primetime im ZDF wiederholt (Erstausstrahlung 2007) und war damit Bestandteil einer Reihe von Sendungen, die der Sender zum 50. Jahrestag des Baus der Berliner Mauer ausgestrahlt hat.

Filminhalt

Handlung

Im Mittelpunkt von An die Grenze stehen - typisch für ein Coming-of-Age-Drama - das Leben, die Freuden und das Leid des jungen Alexander Karow, der im Sommer 1974 seinen Wehrdienst bei einer Truppe an der innerdeutschen Grenze antritt. Der Vater von Alex ist ein angesehener Chemieprofessor, der ihm durch seine Kontakte eigentlich den Wehrdienst ersparen wollte. Alex hingegen möchte keine Privilegien. Unter den Grenzsoldaten gilt er schnell als „Bonzensöhnchen“ und wird schikaniert, vor allem vom Kameraden Kerner. Die Soldaten müssen erfahren, was es heißt, einen Freund und Kollegen an der Grenze zu verlieren. Alex verliebt sich in Christine, die auf einem Bauernhof nicht weit von der Kaserne lebt. Die beiden werden ein Paar und treffen sich heimlich am See. Christine schenkt Alex eine Kamera. Alex fotografiert heimlich den Grenzstreifen mit den neuen Minenanlagen. Christines Bruder klaut eins dieser Bilder und schickt es in den Westen. Damit ihr Bruder in Sicherheit ist, planen die beiden seine Flucht, die Alex an der Grenze ermöglichen soll. Am Ende lässt Alex Christine und ihren Bruder unbemerkt in den Westen flüchten.

Zentrale Figuren

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ZDF/Steffen Junghans
Alexander Karow (Jacob Matschenz)

Alexander Karow (Jacob Matschenz) – ein 19-Jähriger, der freiwillig seinen Wehrdienst antritt, um sich seinem Vater zu widersetzen. Findet an der Grenze seine große Liebe, schließt Freundschaften und leidet unter dem Kasernen-Alltag. Fängt an, Dinge kritisch zu hinterfragen. Nachdem sein bester Freund von einem Fahnenflüchtigen erschossen wird, fragt er: „Woher kann man denn wissen, dass man auf der richtigen Seite ist, wenn man gar keine Wahl hat?“ Für das Publikum immer präsent ist eine ganz andere Frage: „Was wäre, wenn? Würdest du schießen?

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Christine (Bernadette Heerwegen),
ihr Bruder Knut (Frederick Lau)

Christine (Bernadette Heerwegen) – eine junge Traktoristin, die nicht weit von der Kaserne lebt. Sie sorgt und kümmert sich um ihren jüngeren Bruder Knut (Frederick Lau), der in den Westen möchte. Eine Frau, die jenen Teil der DDR-Bevölkerung verkörpert, bei dem die Soldaten kein gutes Ansehen genießen. Sie lernt mit Alex den Menschen hinter der Uniform kennen und lieben. Am Ende gewinnt jedoch der Bruder.

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Karow und Kerner (Max Riemelt)

Kamerad Kerner (Max Riemelt) – ein Grenzsoldat, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, den „Neuen“ den Kasernenalltag schwer zu machen, weil er einst selbst unter Gewalt und Schikanen gelitten hat. Sozialismus bedeute „schließlich gleiches Recht für alle“.  Sein Überlegenheitsgefühl zerbricht am Zusammenhalt der Kameraden.

 

 

Gesellschaftsbild

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ZDF/Steffen Junghans

Allmorgendliche Routine: Unter der Führung von
​​​Hauptfeldwebel ​​​Kramm (Dirk Borchardt, v.) treten die
DDR-Grenzsoldaten auf dem Kasernengelände an.

An die Grenze zeigt das Leben in der DDR fast ausschließlich aus der Sicht der Soldaten an der deutsch-deutschen Grenze. Ordnung und Gehorsam haben in der Kaserne einen hohen Stellenwert. Den Soldaten wird gleich zu Beginn zu verstehen gegeben, dass „es ihre Aufgabe ist, unter Einsatz ihres Lebens Grenzverletzer aufzuspüren, festzunehmen oder zu vernichten“. Die Rekruten leben mit der ständigen Angst, im Ernstfall wirklich die Waffe auf einen Menschen richten zu müssen. Als es tatsächlich dazu kommt und sie mit einem Tod in den eigenen Reihen konfrontiert werden, ist zu sehen, dass in den Uniformen keine Maschinen stecken, sondern junge Männer, die Trauer und Leid spüren.

Jenseits des militärischen Drucks wird das Leben in der Kaserne vor allem durch Freundschaften und Zusammenhalt geprägt. Die Soldaten unterstützen sich gegenseitig, stehen für einander ein und fiebern gemeinsam mit ihren Fußballidolen im WM-Sommer 1974.

Die Botschaft ist klar: In jeder Uniform steckt ein Mensch mit Sorgen, Ängsten und Leid, aber auch mit Freuden, Freundschaften und Liebe. Die gesellschaftlichen Strukturen sind allenfalls in Form von Witzen oder lustigen Sprüchen präsent. So stellt einer der Kameraden fest, dass „wir ja gar nicht so verschieden sind, hier (im Osten) die Lüge, dort (im Westen) die fette Selbstgefälligkeit“.

Ästhetik und Gestaltung

Ein Großteil der Geschichte spielt innerhalb der Kaserne und an der Grenze. Es dominieren folglich grüne und graue Farben – typisch Film-DDR. Einen Kontrast bietet der bäuerliche Hof von Christine und Knut, der farbenfroh und bunt im Stil der 1970er Jahre dargestellt wird. Auffällig ist außerdem die laute Rockmusik, die vom Westen herüberweht – ebenfalls ein Kontrast zum endlosen grün-grauen Grenzstreifen auf der DDR-Seite.

Authentizität

Strategien der Authentizitätskonstruktion

Der Film beginnt mit Informationen über die Länge des Grenzzauns sowie die Anzahl der Soldaten, der Flüchtlinge und der Toten und endet mit den Lebenswegen einzelner Figuren. Dadurch entsteht der Eindruck, es handele sich um reale Schicksale. Der Film erhebt allerdings nicht den Anspruch, „auf einer wahren Begebenheit“ zu beruhen. Autor Stefan Kolditz ließ seine Erfahrungen als Grenzsoldat in das Drehbuch einfließen. Kolditz im Blickpunkt:An die Grenze basiert auf Erfahrungen, aber das Buch ist nicht autobiografisch. Alex ist nicht mein Alter Ego, ich hatte schon damals weniger Illusionen als die Hauptfigur. Authentisch erlebt habe ich aber den Druck in der Armee und auch die Schönheit der Natur an der Grenze.“

Beraten wurde Kolditz von Militärhistoriker Torsten Dietrich. Die älteren Figuren werden von DDR-Stars gespielt (Corinna Harfouch, Jutta Hoffmann, Jürgen Heinrich). Für eine authentische Atmosphäre sorgen außerdem Drehorte und Requisiten. Ein Großteil der Aufnahmen wurden in Grenzmuseen gedreht, beispielsweise in Bad Sooden-Allendorf und im Eichsfeld sowie in einem Gebäude einer Grenzkompanie. Zudem wurden Originalsequenzen von Spielen der Fußball-WM 1974 eingebaut.

Die Ermordung der beiden Soldaten durch einen Fahnenflüchtigen hat Parallelen zum Fall Weinhold, der als Soldat 1975 bei seiner Flucht aus der DDR zwei Grenzsoldaten in Thüringen erschossen hat. Der Film zeigt außerdem Grenzsoldaten, die sich dazu entscheiden, nicht zu schießen. Diese Weigerung spiegelt die Debatte um den „Befehlsnotstand“, auf den sich einige Angeklagte während der Mauerschützenprozesse berufen haben (vgl. Kowalczuk 2005).

Rezeption

Reichweite

Der Film wurde auf dem Filmfest in München Ende Juni 2007 uraufgeführt. Die Erstausstrahlung im TV erfolgte am 7. September 2007 auf Arte, gefolgt vom ZDF am 29. Oktober zur Primetime (Quote: rund fünf Millionen). Bei der zweiten Ausstrahlung zum 50. Jahrestags des Mauerbaus am 8. August 2011 (20:15 Uhr) war das Publikum etwas kleiner (3,8 Millionen). Seit 2010 ist der Film als DVD erhältlich

Rezensionen

An die Grenze wurde in den (Leit-)Medien kaum besprochen. Evelyn Finger sprach in Zeit Online von einem „außergewöhnlichen Fernsehfilm, der die DDR aus der Perspektive ihrer Soldaten schildert“. Finger begriff den Film als eine Erzählung, die sich „dem Identifikationsmuster des gängigen DDR-Geschichtsfernsehens verweigert“ und weder eine Verharmlosung noch eine „Dämonisierung“ des DDR-Regimes anstrebe.

Die Tageszeitung Main-Post schrieb unter dem Titel „Und würdest Du schießen, wenn...?“, dass frühere Grenzsoldaten den Film „bis in die Details hinein für realistisch“ halten, bemängelte aber gleichzeitig, dass die DDR-Flüchtlinge, die an der Mauer erschossen oder verletzt wurden, nicht erwähnt werden.

Rainer Tittelbach lobte vor allem die „radikal subjektive Perspektive“, die es ermögliche, dass der Film „sicher ideologische Hürden umschifft und ästhetisch ein ganz großer Wurf geworden ist“. Tittelbach verwies aber auch auf die (inhaltlichen) Bedingungen, die mit einer Fernsehproduktion verknüpft sind, und sieht den Film an der „Grenze dessen, was sich an harter Politik in dem weichen Medium Fernsehfilm erzählen lässt“.

Auszeichnungen

An die Grenze wurde 2008 mit dem Adolf-Grimme-Preis für das Drehbuch, die Regie, die Produktion und die Darstellungsleistung von Matschenz und Heerwagen ausgezeichnet. Die Jury sah in einen „politischen Film“, der „der DDR ein Stück Realität zurückgibt“ und die westliche Erinnerung an die Grenze („Symbol für ein inhumanes System“ und „Soldaten mit der Kalashnikov im Anschlag“) um eine DDR-Binnensicht erweitere. Durch diesen Perspektivwechsel könne der Erinnerungsdiskurs von Klischeebildern und Vorurteilen gelöst werden. 2009 gewann der Film außerdem eine „Gold World Medal“ bei den New York Festivals.

Wissenschaftliche Aufarbeitung

In der Forschung erfuhr der Film kaum Aufmerksamkeit. Roman Grafe (2009) lobte in seinem Buch Die Schuld der Mitläufer: Anpassen oder Widerstehen in der DDR, das in erster Linie die Themen Anpassung und Verweigerung in der DDR aus der systemkritischen Sicht von Zeitzeugen beleuchtet, zwar Schauspielleistung, Dialoge und Regie, kritisiert aber zugleich, dass „keine der tausendfachen Festnahmen von Flüchtlingen gezeigt“ werden und warf dem Film deshalb vor, „DDR-Propaganda fortzuführen“.

Erinnerungsdiskurs

An die Grenze ist weder Ostalgie noch DDR-Kritik. Am Anfang stehen die nackten Zahlen eines menschenverachtenden Grenzsystems und am Ende meist positive Schicksale einzelner Figuren. Die Erinnerung an die Grenze soll um das Leben der Menschen hinter den Uniformen ergänzt werden. Deshalb ist es schwierig, den Film einem Erinnerungstyp nach Sabrow (2009) zuzuordnen. Im Mittelpunkt steht nicht das Verhältnis von Bürgerschaft und Staat, sondern eine Innenperspektive mit der Frage „Würdest du schießen?“ Drehbuchautor Stefan Kolditz sagte 2016 in einem Interview zum Film Nackt unter Wölfen (2015), dass er es als seine Aufgabe sehe, „an diesen im Osten und Westen so schizophren getrennten Erinnerungskulturen“ zu arbeiten. „Denn die können nur zum nationalen Gedächtnis werden, wenn beide zusammen in einen echten Austausch treten“. Dieses Selbstverständnis trägt auch den Film An die Grenze.

Empfehlung

Empfehlung der Autorin

Wer eine andere Perspektive über die Grenze sucht, die Deutschland rund 28 Jahre lang in Ost und West teilte, kommt bei diesem Film auf seine Kosten. Man lernt den (ostdeutschen) Kasernenalltag durch die Brille des jungen Alexander Karow kennen.

Literatur

Roman Grafe: Wohlfühldichtung für Mitläufer. Das Märchen vom guten Stasi-Mann. In: Roman Grafe (Hrsg.): Die Schuld der Mitläufer. Anpassen oder Widerstehen in der DDR. München: Pantheon 2009, S. 175-188

Ilko-Sascha Kowalczuk: Wer trägt die Schuld? - Schießbefehl und Mauertote. In: Bundeszentrale für politische Bildung 2005

Martin Sabrow: Die DDR erinnern. In: Martin Sabrow (Hrsg.): Erinnerungsorte der DDR. München: C. H. Beck 2009, S. 11-27

Empfohlene Zitierweise

An die Grenze. In: Daria Gordeeva, Michael Meyen (Hrsg.): DDR im Film 2022, https://ddr-im-film.de/de/film/an-die-grenze