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Der Rote Kakadu

Kurzinformationen

Filmdaten

Titel
Der Rote Kakadu
Erscheinungsjahr
2006
Produktionsland
Originalsprachen
Länge
128 Minuten

Kurzbeschreibung

Der Rote Kakadu handelt von den Hoffnungen und Enttäuschungen junger Menschen aus der Rock‘n’Roll-Szene Dresdens im Jahr des Mauerbaus (1961).

Schlagworte

Zeit
Schauplatz
Ereignisse

Entstehungskontext

Beteiligte

Regie

Der westdeutsche Regisseur Dominik Graf bezeichnete sich in einem Interview zum Film als in den 1950ern geborener „Nach-68er“ (Kara 2006: 164). Mit dieser Selbstbeschreibung erklärt der Filmemacher sein Interesse für das utopische Potenzial, das der DDR zeitweise innewohnte. Graf positionierte seinen Film dabei aktiv gegen die bisherige Darstellung des Landes im Kino: „Die Geschichte der DDR wird der nachfolgenden Generation jetzt als eine Art lächerlicher Tante-Emma-Laden inklusiver Unterdrückungsmethoden wie zur Nazizeit verkauft“ (Kara 2006: 166). Sein Ziel sei es, das „vitale Lebensgefühl“ dieser Zeit in einem „Stimmungsfilm“ beim Publikum anschaulich zu machen und nicht nur historische Ereignisse abzuhaken (Göttler 2006: 12). Vor diesem Filmprojekt hat Graf keine historischen Stoffe verfilmt, sondern meist Genrefilme wie beispielweise Die Katze (1988) gedreht.

Drehbuch

Das Drehbuch ist autobiografisch gefärbt und stammt in der ersten Version von Michael Klier und seiner schwedischen Kooperationspartnerin Karin Åström. Wie sein Protagonist Siggi ist Klier 1961 aus der DDR in den Westen gegangen. Der Filmemacher hat irgendwann entschieden, dass er den Stoff nicht selbst verfilmen möchte. So ging das Projekt an Dominik Graf. Dieser bat den ebenfalls aus dem Westen stammenden Günter Schütter, das Drehbuch für ihn zu überarbeiten.

Produktion

Der Rote Kakadu wurde von der Firma X Filme Creative Pool produziert, in Koproduktion mit Sat.1, SevenPictures und dem German Film Productions Medienfonds. X Filme war Mitte der 1990er unter anderem von den Regisseuren Tom Tykwer, Wolfgang Becker und Dani Levy gegründet worden. Becker und die Produktionsfirma hatten mit Good Bye, Lenin! (2003) einen Publikumserfolg. Laut Kakadu-Produzentin Manuela Stehr war das Projekt schon einige Jahre vor Beckers Film in Planung gewesen, aber immer an der Finanzierung gescheitert (Schröder 2006a: 142).

Finanzierung

Produktion und Verleih wurden mit öffentlichen Mitteln gefördert. Mindestens 2.200.000 Euro wurden zur Verfügung gestellt (Crew United):

Mitteldeutsche Medienförderung

900.000

FFA Filmförderungsanstalt

500.000

Medienboard Berlin-Brandenburg

800.000

Werbung

Die Werbekampagne lässt sich nicht mehr gänzlich nachvollziehen. Auf besondere Promo-Maßnahmen wurde offenbar verzichtet. Der Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf veröffentlichte allerdings ein Buch zum Film, das neben dem Drehbuch Interviews mit Beteiligten enthält (Stehr 2006). Die Bundeszentrale für politische Bildung gab ein Filmheft mit didaktischen Lehrmaterialen heraus.

Filminhalt

Handlung

Der Film spielt im Jahre 1961. Im Mittelpunkt stehen junge Mitglieder der Rock‘n‘Roll-Szene in Dresden. Der Theatermaler Siggi trifft zufällig auf die Lyrikerin Luise und ihren Mann Wolle. Siggi folgt dem Ehepaar in die Bar „Roter Kakadu“ und entdeckt dort seine Begeisterung für „westliche“ Musik. Siggi und Luise fangen eine Beziehung an. Nach einer kurzen Zeit der Ausschweifungen nehmen die staatlichen Repressionen zu. Der Dramaturg von Siggis Theater verweigert ihm die Zulassung für das Studium, da Siggi sich weigert, seine neuen Freunde zu bespitzeln. Wolle wird verhaftet. Nach seiner Freilassung kommt es zu einem Prozess gegen die Musikfans aus dem „Kakadu“. Nur Siggi wird freigesprochen – und fälschlicherweise vom Rest der Gruppe als Verräter identifiziert. Als auffliegt, dass Siggi seinen Lebensstil mit dem Verkauf von teilweise gestohlenen Porzellanfiguren in den Westen finanziert, entscheidet er sich endgültig zur Flucht. Luise will ihm später folgen, wenn Wolle aus dem Krankenhaus, in dem er wegen einer Schussverletzung durch die Volkspolizei liegt, entlassen wird. Dazu kommt es nicht mehr, denn am 13. August wird die Grenze zwischen der DDR und der BRD geschlossen.

Zentrale Figuren

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Siggi (Max Riemelt, l.), Luise (Jessica Schwarz)

Siggi (Max Riemelt). Der Bühnenmaler-Lehrling ist aus der Provinz nach Dresden gekommen und wohnt bei seiner Tante. Siggi pflegt ein pragmatisches Verhältnis zur DDR und ihren Repräsentanten. So hofft er zwar, dass er zum Studium zugelassen wird, liebäugelt aber bereits früh mit einer Flucht in die BRD. Durch Luise und Wolle wird er in die Rock‘n‘Roll-Szene Dresdens eingeführt. Siggi schmuggelt heimlich Meißener Porzellanfiguren in den Westen und finanziert dadurch schicke Westklamotten und die Besuche im „Roten Kakadu“. Er verliebt sich in Luise und versucht, sie von der Auswanderung in den Westen zu überzeugen. Der neue Dramaturg des Theaters, in dem Siggi seine Lehre absolviert, macht schnell deutlich, dass er ihn nur fürs Studium empfehlen wird, wenn er seine Freunde bespitzelt. Dies lehnt Siggi ab und muss sich deshalb nach dem Ende seiner Lehre in der „Produktion bewähren“. Am Ende geht er in den Westen.

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Luise (Jessica Schwarz)

Luise (Jessica Schwarz). Die Dichterin ist überzeugte Sozialistin, obwohl sie ihr Werk in der DDR nicht veröffentlichen kann. Sie muss sich „in der Produktion bewähren“ und arbeitet daher in einer Schnapsfabrik. Das Land zu verlassen, ist für sie lange keine Option. Mit ihrem Ehemann Wolle führt sie eine liebevolle Beziehung, fühlt sich aber trotzdem zu Siggi hingezogen. Ihr Glaube an den grundsätzlich „guten“ Staat gerät erst ins Wanken, als Wolle unbewaffnet angeschossen wird.

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Wolle (Ronald Zehrfeld)

Wolle (Ronald Zehrfeld). Luises Ehemann ist ein selbstbewusster und genussorientierter Sturkopf, der früh die Aufmerksamkeit der Behörden auf sich zieht. Das Verhältnis zu seiner Ehefrau ist intensiv und emotional. Wolle hat bei den Bombenangriffen auf Dresden beide Eltern verloren und ist danach bei Luises Familie untergekommen. Im Gegensatz zu Siggi und Luise wird Wolle nicht als kunstsinniger Intellektueller, sondern eher als proletarischer DDR-Bürger gezeichnet. Wie seine Frau arbeitet Wolle in der Schnapsfabrik, zeichnet sich dabei aber durch eine laxe Arbeitsmoral aus. Als Hedonist arbeitet sich Wolle an der autoritären DDR ab, doch von einer Flucht ist bei ihm nie die Rede. Wolle ist äußerst beliebt bei Frauen und hat immer wieder Affären.

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Dr. Hurwitz (Devid Striesow)

Dr. Hurwitz (Devid Striesow). Ein linientreuer Kulturfunktionär. Er ist am Theater eingesetzt worden, weil sich der alte Dramaturg in den Westen abgesetzt hat. Hurwitz tritt zwar gönnerhaft gegenüber Siggi auf, macht aber schnell deutlich, dass er Gegenleistungen erwartet. Als der Lehrling nicht mitspielt, verwehrt Hurwitz ihm den Zugang zum Studium. Wolle und Siggi unterstellen dem Dramaturgen mehrmals, ein verkappter Homosexueller zu sein.

Staatssicherheits-Funktionär (Lutz Teschner). Dieser Charakter verkörpert unterschiedliche DDR-Funktionäre in einer Person. Im „Roten Kakadu“ stellt er einen Tanz vor, der den westlichen Modetänzen überlegen sein soll („Wostolotschka“). Hier veralbern ihn Siggi, Wolle und Co. noch. Der Kulturfunktionär ist aber auch Stasi-Offizier und leitet die Zersetzung der Szene um den „Roten Kakadu“. 

Tante Hedy (Ingeborg Westphal). Siggis Tante arbeitet als Opernsängerin am selben Theater wie ihr Neffe. Die eigensinnige Künstlerin ist sehr geprägt durch ihre Erlebnisse in einer Zeit, bevor die DDR überhaupt existierte. So ist sie nach dem Zweiten Weltkrieg durch sowjetische Soldaten vergewaltigt worden. Sie selbst hat sich eingerichtet oder versucht zumindest, sich das einzureden. Daher ist sie nicht erfreut über Siggis Schmuggelaktionen. Als er aber in akute Schwierigkeiten mit der Staatsmacht gerät, stellt sie sich schützend vor ihn.

Gesellschaftsbild

Der Rote Kakadu zeichnet eine DDR, die sich als Zukunfts- und Techniknation wahrnimmt. Der Film beginnt mit der Berichterstattung über den Kosmonauten Juri Gagarin. Im Fokus stehen die Hoffnungen der jungen DDR-Generation und ihr Streben nach Freiheit. Der Blick auf staatliche Autoritäten ist allerdings von Beginn an finster. So tanzen die Protagonisten den Volkspolizisten und Funktionären zwar am Anfang auf der Nase herum und mokieren sich über Worthülsen. Doch zum Ende wird deutlich, dass der Staat Wege findet, um das Treiben der Szene zu unterdrücken (etwa durch das Säen von Zwietracht in der Gruppe).  

Die dramaturgische Entscheidung, Zeitsprünge mit der Einblendung „Noch X Tage bis zum Mauerbau“ einzuführen, lässt das Publikum nie vergessen, dass sich bald alles ändern wird. Der Film zeigt eine DDR vor der verhältnismäßig stabilen Honecker-Zeit. Eine DDR, in der die Kämpfe über die Ausrichtung des Landes noch offener ausgetragen werden konnten. Dabei nimmt der Film das Selbstverständnis der DDR als das „bessere Deutschland“ durchaus ernst und spürt dem utopischen Potenzial einer sozialistischen Gesellschaft nach. Der dauerpräsente Mauerbau signalisiert aber konsequent, dass es sich dabei um eine verlorene Utopie handelt.

Ungewöhnlich ist die Fokussierung auf ein bürgerliches Milieu. So spielt der Film im großbürgerlichen Viertel „Weißer Hirsch“ und räumt Figuren wie dem „Großen Lewerenz“, einem enteigneten Großfabrikanten, einige Leinwandzeit ein. Auch die namensgebende Bar befindet sich in Privatbesitz. Untypisch ist auch, dass das Team versucht, die Geschichte von der klassischen Ost-West-Dichotomie des kalten Krieges zu lösen, indem immer wieder Verweise auf die Zerstörungen durch den nationalsozialistischen Angriffskrieg eingeschoben werden. Der Film zeigt so, dass die DDR nicht nur in bloßer Opposition zum Westen entstanden ist, sondern auch als Reaktion auf den Nationalsozialismus. Viele der Figuren sind noch beeinflusst von dieser Zeit. So hat Wolle seine Eltern durch die Bombenangriffe auf Dresden verloren, und Siggis Tante ist nach Kriegsende von sowjetischen Soldaten vergewaltigt worden. Für Repräsentanten des Staates gilt das allerdings nicht. Sie scheinen hier gewissermaßen geschichtslos zu sein.

Ästhetik und Gestaltung

Der Rote Kakadu sticht visuell heraus aus anderen DDR-Filmen. Dies ist auch damit zu erklären, dass die DDR der frühen 1960er Jahre seltener behandelt wird. Dadurch gibt es wenig vergleichbare Werke. Dazu kommt, dass die Handlung im großbürgerlichen, wenn auch leicht heruntergekommenen Ambiente des Stadtviertels „Weißer Hirsch“ spielt. Es gibt folglich keine DDR-Neubauten. Große Teile der Handlung spielen zwar in den Nacht- und Abendstunden und in geschlossenen Räumen (die Bilder sind häufig recht dunkel), doch zwischendurch scheinen immer wieder sonnendurchflutete Außenansichten auf. In den dunklen Aufnahmen in der Bar stechen dazu Rottöne heraus.

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Band im Roten Kakadu

Die für die filmische Darstellung der DDR charakteristischen Grau- und Pastelltöne kommen bei Kameramann Benedict Neuenfels kaum vor. Eine weitere Besonderheit ist der Verzicht auf Digitaltechnik bei der Rekonstruktion Dresdens. Diese Entscheidung lässt den Roten Kakadu weniger künstlich als vergleichbare Filme wirken.

Authentizität

Strategien der Authentizitätskonstruktion

Schon der Titel benennt den historischen Ort, der im Mittelpunkt des Films steht. Die bis in die 1970er privat geführte „Kakadu-Bar“ des Dresdener Parkhotels war tatsächlich ein beliebter Konzertort in der DDR. Der Dreh im Originalgebäude soll dabei äußerst beschwerlich gewesen sein, wie Produzentin Manuela Stehr berichtet: „Wir hatten immer das Gefühl, wir müssen das so authentisch haben, das musste einfach stimmen“ (Schröder 2006a: 145). Der Film versucht darüber hinaus, durch historisch korrekte Kleidung und Ausstattung Authentizität herzustellen. Darstellerin Jessica Schwarz berichtet, dass selbst die Komparsinnen darauf geachtet hätten, „ihre Beine nicht zu rasieren“ (Schröder 2006b: 173). Viele Informationen basieren laut Produzentin auf Gesprächen mit Dresdnern. Eine weitere Realismus-Strategie ist der Soundtrack mit DDR-Bands wie der Theo Schumann Combo. Außerdem werden Aufnahmen des Mauerbaus oder von Juri Gagarin eingewoben.  

Glaubwürdigkeit erzeugt der Film vor allem durch das autobiografisch inspirierte Drehbuch von Michael Klier. Obwohl der Plot durch Dominik Graf und Günter Schütter noch überarbeitet wurde, ist der historische Rahmen unverändert geblieben. Klier hatte tatsächlich mit Porzellan gehandelt und den „Kakadu“ häufig besucht. Der Großteil der Besetzung besteht dazu aus Ostdeutschen. Die beiden in Berlin geborenen Hauptdarsteller Max Riemelt und Ronald Zehrfeld stellten allerdings kaum eigene biografische Bezüge her, sondern betonten die Universalität des Films: Der Rote Kakadu schaffe einen „Spagat“ zwischen zeitlosen „Hoffnungen und Sehnsüchten“ und der Darstellung von Historischem (Schröder 2006b: 175).

Rezeption

Reichweite

Der Rote Kakadu war kein großer Publikumserfolg: Der Film kam mit 168.035 verkauften Tickets lediglich auf Platz 115 in den deutschen Kinocharts 2006. Der Spiegel sprach sogar von einem „Flop“ (Beier/Wolf 2006: 118-120).

Rezensionen

Insgesamt erhielt Der Rote Kakadu gemischte bis positive Kritiken in den „Leitmedien“. 

Ausgesprochen euphorisch äußerte sich Fritz Göttler (2006b) in der Süddeutschen Zeitung. Die Darstellung der Sehnsüchte und Hoffnungen junger Menschen aus der DDR hat den Redakteur so mitgerissen, dass sich bei ihm kein kritisches Wort zu dem Film findet.

Auch Peter Körte (2006) rezensierte den Film in der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung positiv, geht aber mehr als Göttler auf die Darstellung der DDR ein. Der Film steche heraus, da er das Land nicht „in einen putzigen Themenpark“ verwandle, sondern sich seinem tatsächlichen Wesen nähere. So gefiel Körte insbesondere, dass der Film von Menschen erzählt, „die an diese Gesellschaft glaubten und deren Hoffnungen zerschellten“.

Thomas E. Schmidt sah in Der Zeit eine zu große Diskrepanz zwischen der „guten“ Inszenierung und dem, was der Film erzähle: „Besonders bei Licht und Kameraführung legt er es auf ein Pathos an, das der Welt, die er zeigt, unangemessen ist.“ Besser sei der Film, wenn er sich auf private Gespräche zwischen den Protagonisten in geschlossenen Räumen konzentriere. 

Im Print-Spiegel (Nr. 7/2006: 111) gab es ebenfalls eine eher lauwarme Rezension. Der Rote Kakadu wolle viel, aber bewege sich nur „in einem ziemlich braven Foxtrott-Schritt voran“. Die Online-Redaktion des Spiegel lobte den Film dagegen in den höchsten Tönen. Der „grausame Alltag“ dieser Zeit, aber auch der Rausch der Musik seien gut dargestellt. Redakteur Christian Buß sieht die Ebenen der Liebes- und der Zeitgeschichte stimmig vereint. 

Einen durchwegs negative Kritik gab es nur im Neuen Deutschland. Dort verriss Margit Voss den Film in scharfem Ton und sprach von historischen Ungenauigkeiten sowie von einem stereotypen, von Stasi-Schergen geprägten DDR-Bild. 

Auszeichnungen

Bester Nachwuchsdarsteller beim Bayerischen Filmpreis 2006: Max Riemelt

Golden Star Grand Prix beim 6. Internationalen Filmfestival Marrakesch 2006: Film

Bester Regisseur beim Madrid Móstoles International Film Festival 2007: Dominik Graf

Wissenschaftliche Aufarbeitung

Häufig wird der Film in der Literatur nur beiläufig in einer Aufzählung erwähnt, die die Konjunktur von DDR-Filmen illustrieren soll. Es gibt aber mehrere Ausnahmen. Thomas Lindenberger (2006) vergleicht den Roten Kakadu mit anderen filmischen Darstellungen der DDR und kommt zu dem Fazit, dass der Film „zu einer differenzierten Historisierung“ der DDR-Vergangenheit beitrage. Gerhard Jens Lüdeker (2010) widmet dem Film einen eigenen Text und sieht dort ein Werk, das zwischen „Ostalgie“ und einer starren Täter-Opfer-Erzählung hin und her pendele. Bei Nick Hodgin (2015) steht die starke Fokussierung des Films auf das utopische Potenzial der DDR im Mittelpunkt. Dies unterscheide den Roten Kakadu von klassischen historischen Spielfilmen.

Erinnerungsdiskurs

Der Film zeigt eine untypische Facette der DDR-Geschichte. Er erkennt das utopische Potenzial einer sozialistischen Gesellschaft wie der DDR an, lässt aber nie Zweifel daran aufkommen, dass dies nur in einem kurzen Abschnitt möglich war und diese Phase unwiederbringlich vorbei ist. Der Film oszilliert daher in seinen Darstellungen zwischen den rauschhaften Ausschweifungen der Jugend und den repressiven Repräsentanten des Staates. 

Der Rote Kakadu lässt sich dadurch nur schwerlich einer Kategorie der DDR-Erinnerung zuordnen. So sind staatliche Repressionen und die ausführenden Organe sehr präsent, aber letztendlich sind die Charakterzeichnungen zu vielschichtig, als dass der Film nur das Diktaturgedächtnis bedienen würde. Er lässt sich eher als leicht melancholische DDR-Darstellung aus Sicht eines politisch linksstehenden, westdeutschen Intellektuellen lesen.

Auszeichnungen gab es nur auf internationaler Ebene. Der Anspruch auf historische Authentizität bei gleichzeitigem Spiel mit Genres ist dem Film in Deutschland eventuell zum Verhängnis geworden. In einigen Rezensionen wurden außerdem historische Ungenauigkeiten beklagt. So sei 1961 noch gar kein Rock ‘n‘ Roll im „Roten Kakadu“ gespielt worden. Auch die Anrede des Hauptprotagonisten beim Stasiverhör sei nicht korrekt.

Empfehlung

Empfehlung des Autors

Aus filmästhetischer Perspektive ist Der Rote Kakadu uneingeschränkt empfehlenswert. Die Mischung aus universeller Liebesgeschichte und DDR-Darstellung geht voll auf. Kleinere Ungenauigkeiten und eine zeitweise etwas schematische, genrebedingte Täter-Opfer-Dichotomie schmälern das Erlebnis nur wenig.

Literatur

Lars-Olav Beier, Martin Wolf: Wo sind die Stars? In: Der Spiegel 19/2006, S. 118-120

Fritz Göttler: Autobahn der Geschichte. DDR emotional – Dominik Graf über „Der Rote Kakadu“. In: Süddeutsche Zeitung vom 23. Februar 2006a, S. 12

Fritz Göttler: Da wackelt der Mutter der Rock. In: Süddeutsche Zeitung vom 15. Februar 2006b, S. 11

Nick Hodgin: East Germany Revisited, Reimagined and Repositioned. Representing the GDR in Dominik Graf’s Der Rote Kakadu (2005) and Christian Petzold’s Barbara (2012). In: Michael Gott, Todd Herzog (Hrsg.): East, West and Centre. Reframing Post-1989 European Cinema. Edinburgh: Edinburgh University Press 2015, S. 237-252

Electra Kara: „Lebensfreude aus Verzweiflung“. Interview mit dem Regisseur Dominik Graf. In: Manuela Stehr (Hrsg.): Der Rote Kakadu. Das Buch zum Film. Berlin: Schwarzkopf & Schwarzkopf 2006, S. 161-168

Andreas Kilb: Der letzte Sommer des Rock'n'Roll: Dominik Grafs Film Der Rote Kakadu. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 15. Februar 2006, S. 41

Peter Körte: Der Himmel über Dresden. In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 12. Februar 2006, S. 27

Thomas Lindenberger: Zeitgeschichte am Schneidetisch. Zur Historisierung der DDR in deutschen Spielfilmen. In: Gerhard Paul (Hrsg.): Visual History. Ein Studienbuch, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2006, S. 353-372

Gerhard Jens Lüdeker: Der Rote Kakadu von Dominik Graf. Zwischen Ostalgie und Täter-Opfer-Erzählung. In: Gerhard Jens Lüdeker, Dominik Orth (Hrsg.): Mauerblicke. Die DDR im Spielfilm. Bremen n: Institut für kulturwissenschaftliche Deutschlandstudien 2010, S. 109-116

Nicolaus Schröder: „Jeder Stoff hat seine Zeit“. Interview mit der Produzentin Manuela Stehr. In: Manuela Stehr (Hrsg.): Der Rote Kakadu. Das Buch zum Film. Berlin: Schwarzkopf & Schwarzkopf 2006a, S. 148-157

Nicolaus Schröder: „Gänsehautgefühl“. Interview mit Max Riemelt, Jessica Schwarz und Ronald Zehrfeld. In: Manuela Stehr (Hrsg.): Der Rote Kakadu. Das Buch zum Film. Berlin: Schwarzkopf & Schwarzkopf 2006b, S. 169-175

Manuela Stehr (Hrsg.): Der Rote Kakadu. Das Buch zum Film. Berlin: Schwarzkopf & Schwarzkopf 2006

Empfohlene Zitierweise

Der Rote Kakadu. In: Daria Gordeeva, Michael Meyen (Hrsg.): DDR im Film 2022, https://ddr-im-film.de/de/film/der-rote-kakadu