Deutschland

Kurzinformationen

Filmdaten

Titel
Deutschland
Erscheinungsjahr
2015-2020
Produktionsland
Originalsprachen
Länge
1170 Minuten

Kurzbeschreibung

Deutschland 83/86/89 handelt von dem DDR-Agenten Martin Rauch alias „Kolibri“, der wider Willen den Westen ausspioniert und in der fiktionalen Handlung der Serie entscheidenden Einfluss auf Schlüsselmomente des Kalten Krieges sowie des Mauerfalls nimmt.

Schlagworte

Schauplatz
Genre
Ereignisse

Entstehungskontext

Beteiligte

Drehbuch

Anna Winger wurde 1970 in Massachusetts in den USA geboren und studierte an der Columbia University in New York. Winger schreibt für das New York Times Magazine und die FAZ. Außerdem entwarf sie die Radioserie Berlin Stories für NPR Worldwide. Zusammen mit ihrem Mann Jörg schrieb sie das Drehbuch für Deutschland 83-89. Neben der Deutschlandserie ist sie zudem als Showrunnerin für die Netflix-Serie Unorthodox verantwortlich.

Produktion

Jörg Winger wurde 1969 in Köln geboren. Neben der Deutschlandreihe, bei der er zusammen mit seiner Frau Anna Winger das Drehbuch schrieb, produzierte Winger unter anderem zahlreiche Folgen für SOKO Leipzig. Als Grund für den Erfolg der Serie führt Winger die deutsche Vergangenheit an, die sich besonders durch Teilung und Mauerfall in das „internationale, kollektive Unterbewusstsein verankert“ habe: „Ein Land, das heute so für Stabilität und Sicherheit bekannt ist, ist eigentlich innerhalb von hundert Jahren aus einer Monarchie in eine gescheiterte Demokratie, in eine faschistische Diktatur, in einen kommunistischen Staat, in eine vereinigte, gelungene Demokratie gerudert. Das ist eigentlich kaum auf der Welt irgendwo genauso passiert, in dieser Art und Form“ (DW).

Finanzierung

Staffel 2

  • German Motion Picture Fund, Produktionsförderung: 1.615.000 €
  • Medienboard Berlin-Brandenburg, Produktionsförderung: 800.000
  • Creative Europe Media - Produktionsförderung: 500.000 €

Staffel 3

  • Medienboard Berlin-Brandenburg, Produktionsförderung: 700.000 EUR
  • Mitteldeutsche Medienförderung, Produktionsförderung: 450.000 EUR
Werbung

Die Werbe-Kampagne von RTL im Vorfeld der ersten Staffel (Deutschland 83) wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet:

Internationale Eyes & Ears Awards 2015 Bester Programm-Vorspann: Fiction (3. Preis)
Internationale Eyes & Ears Awards 2016
  • Beste Gestaltung Print bzw. Plakat (1. Preis)
  • Bestes Special Marketing (3. Preis)
  • Beste crossmediale Programm-Kampagne (2. Preis)

Neben der Vermarktung der Serie durch RTL wurden außerdem Trailer, Kurz-Clips, Recaps, Interviews und kürzere Feature-Filme durch Amazon Prime Video, Fremantle, UFA Fiction und TV-Sender wie Sundance TV (USA) und Channel 4 (Großbritannien) produziert. Deutschland 83-89 ist als „Amazon Original“ streambar sowie als DVD und Blu-ray erhältlich. Außerdem produzierte RTL anlässlich der Erstausstrahlung von Deutschland 83 im linearen TV zwei „80er-Specials“ von Wer wird Millionär (DWDL). 

Filminhalt

Handlung

Der Held von Deutschland 83-89 heißt Martin Rauch. Zunächst DDR-Grenzsoldat wird er gegen seinen Willen von seiner Tante und seinem Vater für die HVA rekrutiert. Unter dem Decknamen „Kolibri“ spioniert Martin fortan für den Geheimdienst der DDR. Er vereitelt eine Eskalation des Kalten Krieges, weil er nachweisen kann, dass die NATO im Manöver „Able Archer“ 1983 keinen verdeckten Erstschlag plant. Im afrikanischen Exil fädelt er einen Waffendeal ein und bessert so die leeren Staatskassen der DDR auf. Zuletzt ist er entscheidend am Mauerfall beteiligt und muss sich in einer – auch für die Geheimdienste – chaotischen Welt zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung zurechtfinden. Als Doppelagent spioniert er sowohl für HVA als auch CIA und BND.

Zentrale Figuren

Martin Rauch (Jonas Nay):

Anfang 20. Zunächst Grenzsoldat der DDR, dann Spion wider Willen. Hat zusammen mit Annett einen Sohn namens Max. Nimmt im Laufe der Handlung Einfluss auf entscheidende Momente des Kalten Krieges.

Lenora Rauch (Maria Schrader):

Mitte/Ende 40. HVA-Agentin und Martins Tante. Rekrutiert Martin für die HVA. Überzeugte Sozialistin – auch nach dem Mauerfall. Möchte einen Systemwechsel mit allen Mitteln verhindern.

Walter Schweppenstette (Sylvester Groth):

Ende 50, Anfang 60. Martins Vater. Zu Beginn der Serie Teil des inneren Zirkels der HVA. Rekrutiert Martin ebenfalls für den Auslandsgeheimdienst der DDR.

Annett Schneider (Sonja Gerhardt):

Anfang 20. Martins Freundin und Mutter des gemeinsamen Sohnes Max. Arbeitet als IM für die Stasi. Beginnt außerdem eine Karriere in der HVA. Überzeugte Sozialistin.

Alex Edel (Ludwig Trepte):

Anfang 20. Generalssohn und zunächst Bundeswehrsoldat. Kämpft nach seiner Suspendierung vom Dienst gegen HIV und beginnt ein Medizinstudium in Berlin.

Gesellschaftsbild

In einer der letzten Szenen der Serie gibt Enkel Max seinem Opa Walter – Martins Vater – die Hand. Der Großvater beugt sich zu seinem Enkel hinunter und scherzt: „Der Finger, der Finger!“, während er spielerisch die Finger von Max‘ Hand nach hinten biegt. Beinahe rechnet man als Zuschauer damit, dass der Opa dem Enkel die Finger brechen will. Mit eben jenem Trick hatte Walter Martin 1983 als Spion für die HVA rekrutiert und ihm die neue Identität des Bundeswehrsoldaten Moritz Stamm gegeben. Es bleibt bei dem großväterlichen Streich. Doch ein gewisses Unbehagen wird man nicht los: Deutschland 83-89 zeigt eine Welt der Geheimdienste, aus der es kein Entkommen gibt.

Verrat, Manipulation, Betrug und Mord im Auftrag unterschiedlicher Ideologien – immer mit dem Ziel, den Feind zu übervorteilen, an Informationen zu gelangen oder die eigene Bevölkerung zu kontrollieren. So wird Ärztin Tina vom Dienst freigestellt, als sie die Nebenwirkungen der Erprobung eines Westmedikaments an DDR-Bürgerinnen und Bürgern kritisch hinterfragt. Oder wenn der Schriftsteller Thomas Posimski Westbücher – darunter passenderweise 1984 von George Orwell – in die DDR schmuggelt und verbreiten möchte und dafür in Haft genommen und von der Stasi verhört wird.

Hauptfigur Martin steht für die Grenzen individuellen Handelns. Als HVA-Agent muss er lügen, betrügen und morden. Dass Martin von seiner Tante und dem ihm fremden Vater rekrutiert wird, zeichnet ein noch schlechteres Bild der DDR: Wenn Eltern und Verwandte als Apparatschiks den eigenen Sohn und Neffen zum Spion machen, scheint man in der DDR tatsächlich vor nichts zurückzuschrecken. Die DDR ist hier ein Unrechtsstaat.

Demgegenüber steht Martins – beinahe als „gutmenschlich“ zu beschreibende – Motivation, die die Handlung erst voranbringt: Nichts ist dem Spion wider Willen wichtiger als Familie, Freiheit und Frieden zwischen Ost und West. Er wird so zum ungesehenen Helden hinter entscheidenden Ereignissen des Kalten Krieges: Er allein verhindert einen heißen Krieg, als er der HVA 1983 den Beweis liefern kann, dass das NATO-Manöver „Able Archer“ kein verdeckter Erstschlag des Westens wird. Außerdem weigert sich Martin, Egon Krenz zu töten. Erst durch diese Selbstsabotage sagt Günter Schabowski jenen berühmten Satz, der am Abend des 9. Novembers zum Fall der Mauer führen wird: "Das tritt nach meiner Kenntnis ... ist das sofort, unverzüglich." So will es zumindest die Serie.

Hier zeigt sich die Ambivalenz von Deutschland: So sehr politische Institutionen und Systeme die Figuren in feste Rollen stecken wollen, so sehr lehnen sich manche Figuren – auf Ostseite allen voran Martin – gegen die Erwartungen auf. Auf Westseite wird dies besonders an Alex deutlich: Der Soldat und Generalssohn wird vom Dienst suspendiert und kämpft fortan in der Schwulenbewegung gegen HIV und für freie Liebe. Dieses Bestreben, moralisch zu handeln, steht in krassem Widerspruch zu dem, was Geheimdienste oder Militärs verlangen. Der Widerspruch zwischen Institutionen und Menschlichkeit prägt das Menschen- bzw. Gesellschaftsbild der Serie und trägt wesentlich zur Spannung bei.

Die Serie versäumt es dabei nicht, ihren Figuren auch schwierige Fragen zu stellen: Kann jemand wie Martin, dem es nur um Frieden, Freiheit und Familie geht, noch in den Spiegel sehen, wenn er gezwungen ist, für diese Ziele wortwörtlich über Leichen zu gehen? Ist Martin danach noch für ein bürgerliches Leben geeignet? Oder ist er jemand geworden, den er selbst verabscheut? Vor solche Fragen stehen auch andere Figuren der Serie.

Ästhetik und Gestaltung

Auf der Bildebene gibt es beeindruckende Einstellungen. Wenn Martin mit Walter spricht und sich sein Spiegelbild passgenau in der Silhouette des Vaters spiegelt, stellt sich die Frage, wieviel Vater im Sohn steckt und umgekehrt. Der Grundkonflikt (Agent vs. Familienwohl) wird so auf die Bildebene transportiert.

Die hohe Produktionsqualität ist dabei typisch für die Serie. Neben der Kameraarbeit werden die Ästhetik und der Stil der 1980er Jahre in den Fachkritiken gelobt: „Deutschland 86 […] leverages its chic 1980s aesthetic to addictive effect“ (Rotten Tomatoes). Showrunnerin Anna Winger im Interview mit DWDL: „Wir haben die Optik weiterentwickelt. Ich liebe die Visuals der ersten Staffel, aber die Vision unserer Set-Designers hat sich entwickelt und damit auch die Optik. Das wunderschöne Licht, das uns Kapstadt schenkte, dürfte dann ihr Übriges getan haben. Es gibt damit auch einen Kontrast zu Ost-Berlin.“

Der Soundtrack von Deutschland 83-89 besteht aus Hits der 1980er. Allen voran muss hier die englische Version von Peter Schillings Major Tom (Coming Home) aus dem Jahr 1983 erwähnt werden, die als Intro zu hören ist. Dazu kommen Blue Monday von New Order, Sweet Dreams von Eurythmics, Modern Love von David Bowie oder Nenas 99 Luftballons.

Authentizität

Strategien der Authentizitätskonstruktion

Filmimmanente Strategien

Mit Orth (2020, S. 304) gesprochen schöpft Deutschland „nahezu die gesamte Bandbreite der Authentizitätsstrategien“ aus. So wurde eine Fülle an historischem Video- und Audiomaterial in das fiktive Seriengeschehen eingearbeitet. Besonders hervorzuheben: die Pressekonferenz mit Günter Schabowski vom 9. November 1989, das Bombenattentat auf das ‚Maison de France‘ in Berlin sowie zahlreiche Personen der Zeitgeschichte (Ronald Reagan, Michail Gorbatschow, Helmut Kohl, Erich Honecker, Egon Krenz). Dazu kommt Videomaterial von Polizisten des südafrikanischen Apartheidregimes. Bei vielen der Aufzeichnungen handelt es sich um Aufnahmen aus der Tagesschau.

Außerdem ist ein animiertes Erklärvideo über das Apartheidregime in Südafrika und die dortige politische Lage 1986 erwähnenswert: Hier wird innerhalb kürzester Zeit genügend Hintergrund geliefert, um der zweiten Staffel folgen zu können.

Filmtranszendente Strategien

Neben dem Versuch, Deutschland selbst möglichst echt wirken zu lassen, sind über die Serie hinaus „Begleitdokumentationen“ von RTL und Amazon erschienen. So produzierte RTL die Doku 1983 – (K)ein bisschen Frieden, in der Inka Bause und Peter Kloeppel auf eine „Zeitreise in das reale Deutschland des Jahres 1983“ gehen, um „die politischen wie popkulturellen Hintergründe der Event-Serie“ zu beleuchten (RTL).

Die Dokumentation Comrades & Cash. Geheime Geschäfte unter dem Eisernen Vorhang, die Amazon mit der zweiten Staffel veröffentlicht hat, wirft einen Blick auf die geschichtlichen Hintergründe von Deutschland 86. Hier geht es um Waffengeschäfte und anderen Taktiken der HVA zur Finanzierung der Staatskassen der DDR. Sidney Schering von Quotenmeter schreibt dazu: „Es geht um dunkle Geschäfte und die unglaublichsten Versuche, den Sozialismus zu retten. Regie führen die preisgekrönten Filmschaffenden Alexander Lahl und Max Mönch, die unter anderem schon den Deutschen Wirtschaftsfilmpreis, den Deutschen Naturfilmpreis sowie den Georg-von-Holtzbrinck-Preis für Wissenschaftsjournalismus erhalten haben.“

Rezeption

Reichweite

Die erste Staffel von Deutschland wurde von RTL produziert und ab dem 26. November 2015 im Fernsehen ausgestrahlt. Die Quoten waren jedoch nur mäßig: Folge 1 lag bei 3,19 Millionen und Folge 2 nur noch bei 2,86 Millionen. RTL verlängerte zwar um eine Staffel, doch die durchwachsenen Fernsehquoten führten dazu, dass Amazon Prime die Serie ab 2016 als „Amazon Original“ weiterführte. Rechte wurden außerdem von weiteren TV-Sendern (unter anderem von Sundance TV für den US- und Channel 4 für den britischen Markt) erworben. Damit wurde Deutschland 83-89 einem internationalen Publikum zugänglich. Insbesondere die Weiterführung durch Amazon hat die Serie dabei auch in kreativer Weise entscheidend beeinflusst. Anna Winger: „Wir hatten uns die Staffel (Deutschland 86 mit Schauplatz in Afrika) eigentlich genau so vorgestellt, aber es hat dann nicht mit der Vorstellung von RTL harmoniert. Sie wären lieber näher an der ersten Staffel drangeblieben, wir wollten etwas radikaler rangehen. Amazon hat uns dabei unterstützt. Wir hatten aber für den Fall der Fälle noch eine Alternative zu der jetzt umgesetzten Idee. Das wäre dann die Beleuchtung der Iran-Contra-Affäre gewesen“ (DWDL).

Rezensionen

Die Ausstrahlung über Amazon Prime und der Verkauf in andere (lineare) TV-Märkte haben zu einer breiten, internationalen Rezeption der Serie beigetragen. Die Rezensionen für Deutschland 83-89 fallen dabei international überaus positiv aus. Die erste Staffel steht auf Rotten Tomatoes bei einer Kritikerwertung von 94 Prozent (bei einer Erfassung von 36 Kritiken aus der Fachpresse) sowie einer Publikumswertung von 92 Prozent (bei 1049 Userkritiken). Der Critics Consensus für die erste Staffel fasst zusammen: „An engrossing drama with a fun '80s soundtrack, Deutschland 83 chronicles an intense spy story that brings viewers uncomfortably close to the Iron Curtain“ (Rotten Tomatoes).

Die zweite Staffel kam bei Rotten Tomatoes in der Fachpresse-Rubrik auf 100 Prozent (bei zwölf Kritiken), in der Gunst des Publikums dagegen nur noch auf 73 Prozent (bei lediglich 19 Userkritiken). Der Critics Consensus fiel erneut sehr positiv aus: „Deutschland 86 is a rollicking spy caper that leverages its chic 1980s aesthetic to addictive effect – proving both pleasurably suspenseful and empathetic to the point-of-view behind the Iron Curtain“ (Rotten Tomatoes).

Ein Blick in die deutsche und internationale Fachpresse zu Deutschland 89 zeigt: Die dritte Staffel wurden durchwachsener bewertet als die ersten beiden Staffeln. So schreibt Andreas Kilb in der FAZ: „Das ‚Deutschland‘-Projekt hat seinen Charme aus der Unverfrorenheit gezogen, mit der es sich seinen eigenen filmischen Reim auf die historischen Tatsachen machte. In der dritten Staffel ist dieser Charme zu zähem Fleiß und das lockere Pastiche zum hölzernen Puzzle geronnen.“ Ähnlich fällt das Urteil von Ulrike Klode (DWDL) aus, die die Geschwindigkeit der Handlung, die Figurenentwicklung und das Ende kritisiert. Fehlende Charaktertiefe und eine zu verworrene Handlung monierte auch Allison Keene im Paste Magazine. Positiver wurde die Staffel dagegen von Jan Freitag im Tagesspiegel eingeordnet, für den besonders die selbstbestimmten weiblichen Charaktere lobenswert herausstechen. Unter dem Titel „Superman fliegt wieder“ feierte Claudia Tieschky in der SZ den „grandiosen Cast“ und lobte Deutschland 89 als „höchst unterhaltsame Pop-Variante der deutsch-deutschen Geschichte“ mit „Anleihen an das Superhelden-Genre [sowie an] einschlägige Agentenfilme“. Steve Greene von IndieWire fasst zusammen: „Dass nun jeder [der Charaktere] die Möglichkeit hat, den nächsten Lebensabschnitt selbst in die Hand zu nehmen, ist ein faszinierender Kern von Deutschland 89, auch wenn nicht alle dieser Erzählmöglichkeiten den nötigen Raum bekommen“ (Übersetzung durch den Autor).

Auszeichnungen

Insbesondere Deutschland 83 wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

Auszeichnungen 2015

Kategorie

Festival Séries Mania

Jury-Preis der Blogger

Deutscher Regiepreis Metropolis

Beste Regie TV-Serie/Serienfolge

(Edward Berger)

C21 International Drama Awards

Beste Besetzung einer Dramaserie

Beste nicht-englischsprachige Dramaserie

Auszeichnungen 2016

Kategorie

Deutscher Fernsehpreis

Bester Schauspieler (Jonas Nay)

Goldene Kamera

Bester deutscher Mehrteiler

Grimme-Preis

Fiktion/Spezial

Peabody Awards

Unterhaltung

Goldene Nymphe

Dramaserie

International Emmy Award

Dramaserie

Wissenschaftliche Aufarbeitung

Dominik Orth (2020) kritisiert die Stereotypen von Deutschland 83, darunter die Darstellung der DDR als technisch rückständig, das Fehlen sogenannter „Südfrüchte“ und die Rücksichtslosigkeit der Mächtigen im Land – dargestellt vor allem durch die Stasileute. Lob gibt es von ihm dagegen für die Authentizitätsstrategien und den Nostalgiefaktor: „Im Gegensatz zu den mitunter verklärenden Ostalgie-Erzählungen […] wie in Sonnenallee oder Good bye, Lenin!, im Unterschied auch zur Thematisierung des Unrechtsstaates, wie in Das Leben der Anderen, hat sich die Funktion der fiktionalen Darstellung der Deutschen Demokratischen Republik offensichtlich gewandelt. Der verschwundene Staat trägt dazu bei, das Lebensgefühl einer Zeit zu evozieren, die ebenso nicht mehr existiert. Er dient lediglich noch als Kulisse für den Versuch der authentischen Darstellung eines Zeitgeistes. Deutschland 83 fungiert nicht als DDR-Ostalgie, sondern als 80er-Jahre-Nostalgie.“

Damit entpolitisiert sich die Darstellung der DDR. Ob es sich dabei um einen Trend des filmischen/seriellen Erzählens über die DDR handelt oder Deutschland 83-89 aufgrund seiner Produktionsbedingungen ein Einzelfall ist, bleibt abzuwarten. Dieses Thema bestimmt zwei Publikationen von Florian Krauß (2020a, b), der unter anderem den Writers‘ Room und das Showrunner-Prinzip (Drehbuchautor und Produzent in einer Person) beschreibt.

Erinnerungsdiskurs

Die international erfolgreiche Deutschland-Serie zeichnet die DDR als vermeintlich rückständigen Unrechtsstaat. Sie ist aber vor allem eine Liebeserklärung an die 1980er Jahre und handelt von einem Spion wider Willen, der durch seine Haltung als „geläuterter“ (Orth 2020, S. 301) „Gutmensch“ eine vielschichtige und konfliktreiche Hauptfigur ist. Diese Umstände machen die Serie – weniger in ihrer Darstellung der DDR als vielmehr in ihrer Inszenierung der 1980er Jahre – sehenswert. Die temporeiche und farbenfrohe Produktion täuscht jedoch nicht darüber hinweg, welche Schicksale manche der Figuren erleiden. Derlei harte Kost ist für das Genre des Agentenfilms und Spionagethrillers allerdings nicht unüblich. Von einer Zeichnung der DDR als Unrechtsstaat kann daher nicht gesprochen werden. Vielmehr überlagern sich bei Deutschland 83-89 die stilsichere Ästhetisierung der 1980er Jahre mit größtenteils gelungener Agentenaction, wo die DDR lediglich eine austauschbare „Projektionsfläche“ und „Kulisse“ ist (Orth 2020, S. 305). Deutschland 83-89 ist also vor allem eine modern produzierte, international erfolgreiche Agentenserie und weniger eine erinnerungs- oder bildungspolitisch aufgeladene DDR-Erzählung.

Empfehlung

Empfehlung des Autors

Spannende, unterhaltsame und international erfolgreiche deutsche Agentenserie auf hohem Produktionsniveau. Vergleichbar mit The Americans. Stellenweise etwas unübersichtlich und konstruiert, aber immer persönlich, spannend und humorvoll.

Literatur

Dominik Orth: Kulisse DDR. Spitzel, Spione und andere Stereotype in der Serie Deutschland 83 (2015). In: Dominik Orth, Heinz-Peter Preußer (Hrsg.): Mauerschau – Die DDR als Film.  Berlin, Boston: De Gruyter: 2020, S. 297-306

Florian Krauß: When German Series Go Global: Industry Discourse on the Period Drama Deutschland and its Transnational Circulation. In: VIEW. Journal of European Television History and Culture 9. Jg. (2020a), S. 158-169

Florian Krauß: Teen und Quality TV: Deutschland 83 und Transformationen der deutschen Fernsehserie. In: Florian Krauß, Moritz Stock (Hrsg.): Teen TV. Wiesbaden: Springer VS 2020b, S. 163-183

Empfohlene Zitierweise

Deutschland. In: Daria Gordeeva, Michael Meyen (Hrsg.): DDR im Film 2022, https://ddr-im-film.de/de/film/deutschland