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Alexander Schaak/Neue Visionen Filmverleih

Adam und Evelyn

Kurzinformationen

Filmdaten

Titel
Adam und Evelyn
Erscheinungsjahr
2018
Produktionsland
Originalsprachen
Länge
95 Minuten

Kurzbeschreibung

Der Film spielt im Sommer 1989 und erzählt von einem Liebespaar aus der DDR, das während eines Urlaubs am Balaton inmitten einer Beziehungskrise vor die Entscheidung gestellt wird, in die DDR zurückzukehren oder über die Grenze in den Westen zu gehen.

Schlagworte

Zeit
Schauplatz
Genre
Ereignisse

Entstehungskontext

Beteiligte

Regie

Andreas Goldstein, Jahrgang 1964. Vater Klaus Gysi war von 1966 bis 1973 Kulturminister und von 1979 bis 1988 Staatssekretär für Kirchenfragen in der DDR. Zunächst Studium der Kultur- und Theaterwissenschaften an der Humboldt-Universität, ab 1991 Regiestudium an der Hochschule für Film und Fernsehen (Potsdam-Babelsberg). Erste filmische Arbeiten als Regieassistent in Zusammenarbeit mit dem ostdeutschen Regisseur Peter Voigt sowie als freier Produzent für Next Film Filmproduktion (Laurens Straub). 2008 gründete Goldstein die Oktoberfilm GbR. Er hat an mehreren Dokumentarfilmen mit DDR-Bezug mitgewirkt. Der Funktionär (2019) ist ein Porträt seines Vaters und thematisiert gleichzeitig das Scheitern der DDR – genau wie Detektive oder die glücklosen Engel der inneren Sicherheit (2006).

Adam und Evelyn (2018) ist Goldsteins erster Kinospielfilm. Die DDR-Geschichte sei auf den Konflikt zwischen dem Freiheitswillen des Individuums und der staatlichen Repression reduziert worden, erklärte er in einem Interview. In Adam und Evelyn seien die „Figuren in viel komplexere Widersprüche verstrickt“. Die Bewertung der DDR und „wo man hinwill und was man will“ seien im Film nicht eindeutig. In einem weiteren Interview sagte er, an dem Roman von Ingo Schulze habe ihm „das Lakonische der Figuren“ gefallen, die ganz unaufgeregt und mit größerem Zweifel den Westen betrachten. Die extreme Skepsis sei ein „Charakteristikum der DDR-Leute“, die in den meisten DDR-Filmen nicht zum Tragen komme.

Drehbuch

Neben Regisseur Goldstein hat Jakobine Motz das Drehbuch geschrieben. Motz stammt ebenfalls aus der DDR: Jahrgang 1967, in Königs Wusterhausen geboren, Kamerastudium an der Hochschule für Film und Fernsehen (Potsdam-Babelsberg), Master of Fine Arts am American Film Institute (Los Angeles), seither als Kamerafrau, Schnittmeisterin und Autorin mit Schwerpunkt Spiel- und Dokumentarfilm tätig, Dozentin an der Hochschule für Film- und Fernsehen Potsdam-Babelsberg, an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin sowie an der Hochschule der Medien Stuttgart und an der Muthesius Kunsthochschule Kiel. Für Regie und/oder Kamera wirkte sie an mehreren Dokumentarfilmen mit DDR-Bezug mit: Fragt nach (1988), Es lebe die Republik (1989), Klaus Kuron – Spion in eigener Sache (2004), Solo für Sanije (2009) und Ornament & Verbrechen (2015). In einem Interview betonte Motz, dass die Geschichtsschreibung zur DDR persönliche Schicksale häufig außen vor lasse. Das Besondere an dem Roman von Ingo Schulze sei, dass er das Ende der DDR jenseits der üblichen Polarisierungen beschreibe. Für sie persönlich war die Wende von einem neuen Zeitgefühl geprägt: „Die Uhren begannen schneller zu ticken“, sagte sie in einem Interview für die Märkische Allgemeine.

Vorlage

Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Ingo Schulze aus dem Jahr 2008, der im selben Jahr für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde. Schulze wurde 1962 in Dresden geboren und hat in Jena Philologie studiert. Er war zunächst Schauspieldramaturg am Landestheater Altenburg, dann Zeitungsredakteur (1993 ein halbes Jahr in St. Petersburg: Gründung des Anzeigenblattes Priwet Peterburg) und lebt seitdem als freier Autor in Berlin. Schulze gilt als einer der zuverlässigsten Chronisten der Wiedervereinigung (vgl. Leier 2010). Einen Schwerpunkt seiner Werke bilden die DDR, die Wende und der damit verbundene Umbruch – Themen, die ihn im Roman Adam und Evelyn (2008), aber auch in seinen Büchern Simple Stories (1998), Neue Leben (2005) und Handy (2007) beschäftigen. Schulze ist der Auffassung, dass eine Erzählung selbst erlebt worden sein muss. Deshalb war ihm daran gelegen, dass der Roman von Ostdeutschen verfilmt wird: „Alles andere ist Konfektionsware und zugleich anmaßend. Leider ist die DDR ein beliebtes Sujet für diese Anmaßungen“, erklärt er in einem Interview mit der Zeit. Schulze über das Jahr des Mauerfalls: „Damals gab es fast so etwas wie ein Erschrecken über diese unglaubliche Beschleunigung, die im September einsetzte. Von Tag zu Tag kam etwas anderes und immer stand viel auf dem Spiel." Das Ende der DDR beschreibt er als einen „Wechsel von Freiheiten und Abhängigkeiten. Allerdings ist in diesen Monaten des Übergangs auch eine Chance vertan worden, etwas Anderes zu versuchen.“ Er selbst, tätig am Landestheater in Altenburg, habe nie den Druck gehabt, die DDR zu verlassen. Er erlebte 1988 einen „unglaublichen Freiraum, wir fragten uns manchmal: ‚Wann verbieten die uns endlich mal was?‘ Wir befanden uns im Zentrum einer ideologisch und geistig geführten Auseinandersetzung, es gab für mich gar keine Notwendigkeit wegzugehen.“ Warum er diesen Zeitraum für seinen Roman wählte, erklärte er in einem Interview mit dem Deutschlandfunk: „Im September ’89 hatte man die Illusion, man könne sich zwischen Ost und West entscheiden, das war ja für jemand, der aus dem Osten kam, etwas sehr Ungewöhnliches: Also dieses Zwischenstadium interessierte mich. Und da prallen natürlich Dinge aufeinander, die man sonst so nicht im Vergleich hat.

Produktion

Der Film ist eine Produktion von ma.ja.de fiction, in Ko-Produktion mit cine plus in Zusammenarbeit mit ZDF/3sat.

Produzent Heino Deckert, Jahrgang 1959, wurde in Tönning (Schleswig-Holstein) geboren. Zunächst Jurastudium, dann Studium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin, 1991 Gründung der Produktionsfirma ma.ja.de, 2005 ma.ja.de fiction, Schwerpunkt Dokumentarfilm, Produktionen mit DDR-Bezug: Mein Bruder – We’ll Meet Again (2005), Gagarins Pioniere (2005), MS Völkerfreundschaft – Im Sommer nach Leningrad (2005), Liebte der Osten anders? – Sex im geteilten Deutschland (2006), Material (2009), Mauerhase (2009) und Heimat ist Raum aus Zeit (2019).

Finanzierung

Der Film wurde mit insgesamt 705.275 Euro gefördert.

Mitteldeutschen Medienförderung 5.000 Euro
Bundesregierung für Kultur und Medien

30.000 Euro (2012) und

250.000 Euro (2014)

Deutscher Filmförderfonds 170.275 Euro

Monika Grütters

(Creative Europe-MEDIA)

250.000 Euro
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Neue Visionen Filmverleih
Filmplakat

Der Neue Versionen Filmverleih hat ein Filmposter und ein Presseheft veröffentlicht. Außerdem gab es einen Kinotrailer. Pädagogisches Begleitmaterial gibt es lediglich zur Buchvorlage von Ingo Schulze (vgl. Flad 2010, Leier 2010). Über die Uraufführung des Films in Venedig hat der MDR berichtet. Zur Premiere in Deutschland wurde auf dem Filmfest Braunschweig 2018 ein Interview mit Andreas Goldstein und Jakobine Motz geführt.

Filminhalt

Handlung

Adam und Evelyn spielt im Sommer 1989. Es geht um ein Liebespaar aus der DDR. Adam und Evelyn haben unterschiedliche Ziele und unterschiedliche Karriereaussichten. Adam ist ein erfolgreicher Damenschneider, und Evelyn träumt von einem Studium der Kunstgeschichte, das ihr in der DDR verwehrt bleibt. Als Evelyn Adam mit einer Kundin erwischt, fährt sie mit einer Freundin an den Balaton. Adam folgt ihr in der Hoffnung, sie zurückzugewinnen. Inmitten dieser Beziehungskrise öffnet Ungarn die Grenze nach Österreich. Ganz unerwartet ergibt sich die Chance, ihre Zukunft neu zu gestalten. Was für Evelyn eine Befreiung ist, gleicht für Adam der Vertreibung aus dem Paradies.

Zentrale Figuren

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Alexander Schaak/Neue Visionen Filmverleih
Adam (Florian Teichtmeister) fährt Evelyn hinterher.

Lutz Frenzel: „Adam“ (Florian Teichtmeister): 32 Jahre alt, in einer Beziehung mit Evelyn, als Damenschneider und Fotograf selbstständig und in der DDR sehr erfolgreich, besitzt ein eigenes Atelier, hat einen Sinn für Ästhetik und eine Zuneigung zu allem Schönen, wie etwa zu den Frauen, die für ihn Modell stehen. Er liebt das Vertraute, hat alles, wonach er sich sehnt, lebt zufrieden und genügsam, steht dem Westen skeptisch gegenüber, hat im sozialistischen System seine persönliche Freiheit gefunden.

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Alexander Schaak/Neue Visionen Filmverleih
Evelyn (Anne Kanis) und Adam

Evelyn (Anne Kanis): 21 Jahre alt, Ausbildung zur Gastronomin in DDR, schlecht bezahlter Job als Kellnerin, kann sich finanziell gerade so über Wasser halten. Träumt davon, im Westen Kunstgeschichte zu studieren oder ein eigenes Café zu eröffnen. Ist zielstrebig und sucht Veränderung. Entwickelt ein Interesse für Michael, der aus dem Westen kommt. Nachdem sie sich mit ihm überwirft, kehrt sie zu Adam zurück.

Simone (Christin Alexandrow): beste Freundin und Arbeitskollegin von Evelyn, etwa gleichen Alters, hat Cousin im Westen, emanzipiert und selbstbewusst, ist sehr ehrlich und direkt, macht mit Evelyn Urlaub am Balaton, steht wie die anderen Hauptfiguren vor der Entscheidung, die DDR zu verlassen.

Michael (Milian Zerzawy): Cousin von Simone, Zellbiologe, Ende 20, kommt aus Hamburg. Zukunftsorientiert, weltoffen und idealistisch, benimmt sich gegenüber Frauen wie ein Kavalier, legt Evelyn die Welt zu Füßen. Er erfüllt das Klischee eines „Wessis“ im Osten. Hatte starke Vorurteile gegenüber der DDR.

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Alexander Schaak/Neue Visionen Filmverleih
Katja (Lena Lauzemis)

Katja (Lena Lauzemis): Anfang 20, will die Republikflucht über Ungarn antreten. Hat bei einem Versuch, durch die Donau zu fliehen, ihr Hab und Gut verloren. Adam soll sie zum Balaton mitnehmen und über die tschechisch-ungarische Grenze schmuggeln.

Gesellschaftsbild

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Alexander Schaak/Neue Visionen Filmverleih

Adam, Evelyn, Katja und Michael

Obwohl der Sommer ’89 von politischen Ereignissen geprägt ist, konzentriert sich der Film auf die Beziehungswelt von Adam und Evelyn. Dieser Fokus erlaubt eine differenzierte Betrachtung der DDR. Adam sieht das Land als Paradies – als eine entschleunigte und friedliche Welt. Er hat sich ins Private zurückgezogen und lebt ein unpolitisches und erfülltes Leben. Er könne in der DDR machen, was er wolle, erklärt er Michael – sogar den Frauen Hosenanzüge nähen, wenn diese ihnen besser stehen. Den Westen sieht er kritisch, insbesondere Evelyns Schwärmereien von mehr Wohlstand und Weltfrieden („Das glaubst du“). Überhaupt wirkt Evelyn naiv und idealistisch: „Jetzt können sie das ganze Geld für sinnvolle Sachen verwenden, nicht nur hier, überall auf der Welt. Bald muss man nur noch dreißig Stunden arbeiten, und statt anderthalb Jahre zur Armee zu gehen, machen alle ein Jahr was Nützliches“. Einem West-Beamten sagt sie, sie wolle dem „verlogenen Staat entfliehen und endlich leben“. Auch Katja erklärt Adam, was sie im Westen wolle: „Besser leben, überhaupt leben“. Adam: „Bisher haste nicht gelebt?“ Auch Michael vermittelt den Anschein von uneingeschränkter Reise- und Berufsfreiheit im Westen. Als Adam ihn fragt, ob es nicht egal sei, wo man lebt, sagt er, in der DDR könne man nichts anderes sehen, und dass „jeder, der wirklich will“, Arbeit in der BRD finde. Von Adam berichtet Evelyn später einer Freundin, dass er sich wie der erste Mensch in der neuen Welt anstelle. Adam selbst sagt, er habe von allem zu viel: „zu viele Worte, zu viele Kleider, zu viele Hosen, zu viele Autos, zu viel Schokolade“ – und dass sie im Westen keine weiteren Schneider brauchen.

Ästhetik und Gestaltung

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Alexander Schaak/Neue Visionen Filmverleih

Katja und Adam

Der Film bebildert die ländliche Idylle der DDR mit Naturaufnahmen: Zu sehen sind blühende Landschaften, ungemähte Wiesen sowie Adams Datsche in der sächsischen Provinz. Die DDR wird in warmen und hellen Farben in Pastelltönen abgebildet. Eine Schildkröte, ein Oldtimer, ein Negativ aus der Dunkelkammer und insgesamt lange Einstellungen ohne Schnitt betonen die Langsamkeit des Lebens in der DDR. Der Film verzichtet auf historische Ausstattung und auf Filmmusik. Der Erzählfluss ist ruhig und lakonisch. Es gibt keine Bilder von der Fluchtbewegung oder von der Botschaftsbesetzung in Ungarn. Der Westen ist in diesem Film grau: eine Großstadt, Reihenhäuser und sterile Inneneinrichtungen. Der Kontrast zwischen dem stillen idyllischen Osten und dem lauten und befremdlichen Westen setzt einen starken atmosphärischen Akzent. Eine Szene mit Adam und Evelyn in einem Hotelzimmer im Westen macht die Allegorie zur biblischen Schöpfungsgeschichte und der Vertreibung aus dem Paradies deutlich: Adam liest Evelyn aus der Bibel die Geschichte vom Sündenfall vor, während sie eine Frucht isst.

Authentizität

Strategien der Authentizitätskonstruktion

Adams Datsche, sein blauer Wartburg 311 (Baujahr 1961) und der BMW von Michael vermitteln einen authentischen Eindruck der damaligen Zeit. Der Balaton war zu DDR-Zeiten ein beliebtes Urlaubsziel. Geschichtliche und politische Ereignisse aus dem Sommer 1989 dringen nur über das Radio in die Filmwelt ein. Dort wird von Flüchtlingen in der bundesdeutschen Botschaft in Ungarn erzählt, von Appellen der Kirchen an Erich Honecker und von einer Öffnung der ungarisch-österreichischen Grenze. 

 

Romanautor Ingo Schulze sagte in einem Interview, ihm sei die Ost-Sozialisation der Filmemacher wichtig gewesen. So stammen Regisseur und Drehbuchautor Andreas Goldstein sowie Ko-Drehbuchautorin Jakobine Motz aus der DDR. Von den Schauspielern hat nur Anne Kanis (Jahrgang 1979) eine DDR-Vergangenheit. In ihrem Roman Nichts als ein Garten (2015) schreibt sie über ihre Jugend. In einem Interview sagte Goldstein, er sei gemeinsam mit Motz in der ostdeutschen Provinz herumgefahren, um Bilder zu bekommen, die zu ihrer Erinnerung passen. Wie Schulze ist auch er der Meinung, man könne nur von dem erzählen, was man selbst erlebt hat (Zeit Online, Frankfurter Rundschau). In einem Interview beschrieb er die DDR als „Lebens- und Erfahrungsraum“, der „wegen aller Beschwernisse eine widersprüchliche Heimat geworden“ sei. „Sie bot Identität im Widerspruch“. Der DDR-Staat sei damals nur von der Bundesrepublik und weniger von den Menschen in der DDR infrage gestellt worden. Die Drehorte (Bad Dürrenberg, Balaton) tragen zur Authentizität bei.

Rezeption

Reichweite

Der Film lief am 10. Januar 2019 in den Kinos an und verkaufte 19.967 Tickets. Vorher gab es Premieren bei den 75. Internationalen Filmfestspielen im September 2018 in Venedig und auf dem Braunschweig International Film Festival 2018 sowie Auftritte beim Zurich Film Festival 2018, auf dem 67. Internationalen Filmfestival Mannheim-Heidelberg 2018 sowie beim Exground Filmfest 2018. Der Vertrieb erfolgte durch Pluto Film und der Verleih durch Neue Visionen. Die DVD erschien am 27. Juni 2019. Der Film ist außerdem auf der Streaming-Plattform Amazon Prime zu sehen.

Rezensionen

Der Film sei atmosphärisch gelungen, fanden die Rezensenten Tomasz Kurianowicz (Die Zeit), Dietmar Kanthak (epd Film), Doris Kuhn (Süddeutsche Zeitung) und Heidi Strobel (Filmdienst). In einem langsamen Erzähltempo, stillen Tönen und langanhaltenden Bildern werde das Glück der späten DDR gezeichnet und Abschied von einer Heimat genommen. Weitere Rezensenten titeln: „Die Vertreibung aus der Welt des Ostens“ (Die Welt), „Als die DDR verschwand“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung) oder „Letzte Tage im Paradies“ (Der Tagesspiegel). Die stilistischen Merkmale und die Genauigkeit des Films erinnern Jenni Zylka (taz) an die DEFA-Filme der 1960er und 1970er („ob seiner somnambul-statischen Gespräche, der Grabesmienen und der langen Pausen“).

Der Film richte sich gegen Klischees, eine konventionelle Erzählung und eine bestimmte ideologische Gedankenrichtung, betonten Daniel Kothenschulte (Frankfurter Rundschau) und Katja Nicodemus (Norddeutscher Rundfunk (NDR), zitiert nach agenturkelterborn) sowie weitere Rezensenten: Der Film zeige die DDR nicht in üblichen düsteren Bildern (Berliner Zeitung) und unterscheide sich von den gewohnten DDR-Darstellungen im Kino (Deutschlandfunk Kultur). „Wende-Skepsis fand im Kino lange keinen Platz“, erklärt Andreas Busche (Der Tagesspiegel). Gemeinsam mit Michael Pilz (Die Welt) hebt er hervor, dass das deutsche Kino im Umgang mit der DDR ausschließlich den Konflikt um den Freiheitswillen des Individuums gegen die staatliche Repression beleuchte. In diesem Film aber werde die DDR nicht aus Unzufriedenheit mit dem System, sondern aufgrund einer persönlichen Beziehungskrise hinter sich gelassen, bemerkt Heidi Strobel. Bert Rebhandl (Frankfurter Allgemeine Zeitung) erklärt, das deutsche Kino habe sich nie die Zeit genommen, die Ereignisse des Wende-Jahres zu reflektieren und stattdessen die DDR mit Komödien (Good Bye, Lenin!) und Serien (Weissensee) „ungefähr so übernommen, wie die Treuhand die Ökonomie des Arbeiter-und-Bauern-Staats abgewickelt hat“. Neben Andreas Busche und Patrick Wellinski (Deutschlandfunk Kultur) loben weitere Rezensenten, dass es im Film nicht vordergründig um Kulissen und Ausstattung gehe: Stattdessen gehe es um die „Gefühlspanoramen der Figuren“ (Patrick Wellinski) und um die DDR als „Landschaft“ und „Mentalität“ (Matthias Dell in Der Spiegel). Es werde keine Siegergeschichte erzählt und „ein Staat ironisch abgewickelt, den man nur noch als Requisitenkammer sehen will“, sagt Bert Rebhandl im Berliner Stadtmagazin Zitty.

Ob sich der Film in Ostalgie erschöpft, sind sich die Autoren uneinig. Eine eigenwillige Mischung aus Melancholie und Lakonie lassen den Film ein „nostalgisch verklärendes Sommer-Roadmovie“ sein, schreibt Dörthe Gromes auf der Online-Kulturplattform kunstundfilm. Der Film sei weder verklärend noch ostalgisch, halten Michael Pilz und Lars-Christian Daniels (Filmstarts) dagegen: „Man sollte diesen großen Film nicht als Verklärungskino abtun, weil er die so allgemein nicht zu beantwortende Frage nach dem besseren Land und nach dem besseren Leben offenlässt“, so Pilz. Daniels bezeichnet den Film als eine „ostalgiefreie Tragikomödie“.

Auszeichnungen

Der Film wurde 2018 von der Deutschen Film- und Medienbewertung (FBW) mit dem Prädikat besonders wertvoll ausgezeichnet

Erinnerungsdiskurs

Der Film erzählt den Untergang der DDR über eine Beziehungskrise und kann so die Gedanken und Gefühle der Menschen veranschaulichen, die 1989 mit teils hohen Erwartungen, teils großer Skepsis einer neuen Epoche entgegenblickten. Für den Alltag ist die Politik hier unwichtig. Die DDR wird als Idylle und als verlorenes Land gezeigt – untermauert durch die Metapher im Titel. Adam und Evelyn ragt so in vielerlei Hinsicht aus dem Erinnerungsdiskurs heraus und sperrt sich gegen einfache Zuordnungen.

Empfehlung

Empfehlung der Autorin

Adam und Evelyn ist ein Film, der eine andere Perspektive auf die DDR und die Wiedervereinigung wagt – jenseits der Klischees von Siegern (Westen) und Verlierern (Osten). Die DDR wird hier nicht als politisches System begriffen, sondern als Heimat und als friedlicher, romantischer und stark entschleunigter Gegensatz zur Bundesrepublik.

Literatur

Helmut Flad (Hrsg.): Adam und Evelyn. Berlin: LiteraNova (Cornelsen) 2010

Nicole Leier: Wendeliteratur – Literatur der Wende? Der Mauerfall in ausgewählten Werken der deutschen Literatur. In: Informationen Deutsch als Fremdsprache 37. Jg. (2010), S. 494-515

Empfohlene Zitierweise

Adam und Evelyn. In: Daria Gordeeva, Michael Meyen (Hrsg.): DDR im Film 2022, https://ddr-im-film.de/de/film/adam-und-evelyn