Prager Botschaft

Kurzinformationen

Filmdaten

Titel
Prager Botschaft
Erscheinungsjahr
2007
Produktionsland
Originalsprachen
Länge
96 Minuten

Kurzbeschreibung

Ein Liebesdrama um ein junges Paar inmitten vieler DDR-Bürger, die im September 1989 in der westdeutschen Botschaft in Prag auf eine Einreiseerlaubnis in die BRD warten. 

Schlagworte

Zeit
Schauplatz
Genre

Entstehungskontext

Beteiligte

Regie

Lutz Konermann ist 1958 geboren und zunächst im Rheinland nahe Aachen aufgewachsen, bis er für sein Abitur nach Italien ging. Er studierte Spielfilm und Fernsehspiel an der Hochschule für Fernsehen und Film München und ist seit 1994 am Lehrstuhl für den Diplomstudiengang Szenischer Film an der Filmakademie Baden-Württemberg, wo er 1998 Professor wurde. In den 1990ern war er als Kameramann an der Serie Schulz & Schulz (1989 bis 1993) beteiligt, in der es um ein Zwillingspaar geht, das durch die Mauer getrennt wurde. Prager Botschaft ist Konermanns erster Film, der sich mit der DDR auseinandersetzt. Er sagte dem Merkur, dass er die Ereignisse im September 1989 lediglich oberflächlich verfolgt habe, er sich aber vor Drehbeginn monatelang mit der DDR beschäftigt habe und dies jedem „Westdeutschen nur empfehlen“ könne.

Drehbuch

Rodica Doehnert wurde 1960 in Bukarest geboren, ist in der DDR aufgewachsen und studierte an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg. Sie ist neben Prager Botschaft auch für das Drehbuch des Fernsehfilms Küss mich Genosse (2007) verantwortlich, in dem eine junge Frau in das Jahr 1974 zurückreist und mit ihren (zukünftigen) Eltern zwei bewegende Tage rund um das WM-Spiel BRD gegen DDR erlebt. Doehnert sagte, dass es ihr in Prager Botschaft „nicht vordergründig um eine Liebesgeschichte“ gegangen sei, „sondern um Charaktere, die stellvertretend für die Menschen jener revolutionären Tage stehen“. 

Produktion

Produziert wurde der Film von Iris Kiefer, die damals den fiktionalen Bereich der Filmpool Film- und Fernsehproduktion leitete (seit 2012 aufgeteilt in Filmpool Entertainment und Filmpool Fiction). Bei Filmpool Fiction ist Kiefer Produzentin und Geschäftsführerin. Prager Botschaft war Filmpools erste Produktion mit DDR-Thematik. Es folgte Der Mauerschütze (2010), ein Film über einen missglückten Fluchtversuch und seine Folgen. An Prager Botschaft hat neben Filmpool auch Wilma Film mitgearbeitet, ein Unternehmen, das sich auf deutsche Produktionen in Tschechien spezialisiert hat und an mehreren DDR-Filmen beteiligt war: Kranke Geschäfte (2020), Preis der Freiheit (2019), Walpurgisnacht (2019), Zuckersand (2017) und Tannbach (2015, 2018). 

Kiefer sagte in einem Interview, dass „viel Negatives über die Wiedervereinigung zu hören“ sei. Deshalb verbinde sie mit dem Film die „Hoffnung, die es 1989 gegeben habe, und ein Signal, Selbstmitleid zu vergessen und sich über das vereinte Deutschland zu freuen“. 

Finanzierung

Prager Botschaft war eine Produktion im Auftrag von RTL und hatte insgesamt ein Budget von rund zwei Millionen Euro.  

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Das DVD-Cover zeigt Bettina und Stefan Herfurth beim Versuch, über den Zaun der westdeutschen Botschaft in Prag zu klettern. Der Film ist im Projekt Chronik der Mauer gelistet. Das Projekt wurde vom Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF) mit der Bundeszentrale für politische Bildung und dem Deutschlandradioinitiiert.

Filminhalt

Handlung

Bettina und Stefan Herfurth sind mit Freunden auf Hochzeitsreise in Prag, wo Stefan seiner Frau offenbart, dass er eine Flucht über die westdeutsche Botschaft geplant hat. Bettina lässt sich überzeugen und klettert mit einem befreundeten Paar über den Zaun, während Stefan nach Berlin fährt, um den Sohn zu holen, den sie als Tarnung bei den Großeltern gelassen haben. In der Botschaft trifft Bettina ihren früheren (West-)Liebhaber Georg, der dort als Kulturattaché arbeitet. Stefan bekommt Schwierigkeiten, da einer der Freunde ihre Pläne an die Stasi weitergegeben hat. Am Ende sorgt Georg dafür, dass die Familie wieder zusammenfindet und in den Westen fahren kann. 

Zentrale Figuren

Bettina Herfurth (Anneke Kim Sarnau) – eine junge Frau, die zunächst zweifelt und eigentlich nicht in den Westen möchte. In der Botschaft wird sie mit einer alten Liebe konfrontiert, entscheidet sich aber für die Familie. Bettina fängt erst in der Botschaft an, „ihr“ System in Frage zu stellen, und fordert von den DDR-Funktionären, „sie endlich wie mündige Bürger zu behandeln.“ 

Stefan Herfurth (Christoph Bach) – ein Mann, der die Hoffnung verloren hat, da „dieses Land doch längst am Ende“ sei und er als Architekt in Westdeutschland „endlich normal arbeiten und nicht den Mangel verwalten möchte“. Stefan verzeiht seiner Frau den Seitensprung, durch den die beiden ins Visier der Stasi geraten sind, und stellt sich einem Wettlauf mit der Zeit, um den Sohn in die Botschaft zu holen.

Georg Stein (Hans-Werner Meyer) – ein Mann, der noch nicht verarbeitet hat, dass seine Ost-West-Beziehung mit Bettina scheiterte. Gleichzeitig jemand, für den das Wohl der DDR-Flüchtlinge in der Botschaft an oberster Stelle stehen. 

Gesellschaftsbild

Die DDR ist in Prager Botschaft ein Land, das die Menschen unbedingt verlassen wollen. Sie nehmen dafür den Stress auf sich, in überfüllten Räumen bei unzureichender Versorgung auf ein ungewisses Glück zu hoffen. Freiheit scheint nur im Westen möglich. Die DDR steht zwar kurz vor dem Kollaps, die Stasi aber ist nach wie vor mächtig. Der Geheimdienst sorgt dafür, dass aus Freunden Feinde werden, greift in die Privatsphäre ein und belügt die Menschen. So muss ein junger Mann jahrelang glauben, dass seine Eltern tot sind, obwohl sie in der Bundesrepublik leben. Die DDR wird als eine Gesellschaft konstruiert, die die Menschen einsperrt, sie daran hindert, sich zu entfalten und zu mündigen Bürgern zu werden, und dabei jeden Anspruch auf Privatsphäre missachtet. Der Westen hingegen ist in diesem Film ein Ort des Freiraums, wo man „endlich frei denken“ und selbstbestimmt Entscheidungen treffen kann. Die BRD wird hier auch als Retter konstruiert: Nur Westpolitiker können die Flüchtlinge aus ihrer ungünstigen Lage in der Botschaft befreien. Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher verkündet am Abend des 30. September 1989 unter Jubelgeschrei: „Liebe Landsleute, wir sind heute zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise in die Bundesrepublik Deutschland möglich sein wird.“ 

Ästhetik und Gestaltung

Kostüme und Inneneinrichtungen unterstreichen ästhetisch den Graben zwischen Ost und West. Während das Botschaftspersonal elegante Anzüge trägt, haben die DDR-Bürger nur das Nötigste dabei und waren vorher teilweise mehrere Wochen in einem überfüllten Zeltlager. Botschaft und ein Prager Hotel sind farbenfroh nahezu prunkvoll – ein Kontrast zu den Zelten der Flüchtlinge und auch zu den Wohnungen in Berlin, die unabhängig von der gesellschaftlichen Stellung einfach ausgestattet sind. 

Authentizität

Strategien der Authentizitätskonstruktion

Am Ende lesen wir den Satz: „Wenige Wochen nach der Ausreise tausender Zufluchtsuchender über die Prager Botschaft öffnete die DDR am 9. November 1989 ihre Grenzen. Die Mauer fiel und nur knapp ein Jahr später feierte die Nation ihre Wiedervereinigung zu einem gemeinsamen Deutschland.“ Dieser Schluss erweckt den Anschein, dass die Geschichte der Familie Herfurth auf einer wahren Begebenheit beruht. Das ist jedoch nicht der Fall. Produzentin Kiefer war es trotzdem wichtig, den Film so realitätsnah wie möglich zu gestalten. So wurden rund 1800 Komparsen mit zeitgenössischen Kostümen ausgestattet. Es gab einen Straßenzug aus 45 Trabis. Die Schlussszene wurde auf dem Originalbalkon der Prager Botschaft von 1989 gedreht und die Zeltstadt nahezu identisch nachgebaut. 

Neben den Requisiten und Schauplätzen tragen auch die Beteiligten zur Authentizität bei. Das Drehbuch hat mit Rodica Doehnert eine ostdeutsche Autorin geschrieben – eine bewusste Entscheidung, damit der Film „nicht Gefahr laufe, aus einer möglicherweise verklärenden westdeutschen Sicht etwas in die Biografien der Hauptfiguren hineinzudeuten“ (Kiefer). Kanzleramtsminister Rudolf Seiters (im Amt 1989 bis 1991) spielt sich selbst und steht wie 1989 auf dem Balkon. Hermann Huber, damals Botschafter, hat die Texte abgesegnet, die Dietrich Mattausch in seinem Namen spricht. Im Gespräch war offenbar sogar ein Auftritt von Genscher selbst, der Ex-Außenminister sagte aber vor Drehbeginn ab.

Rezeption

Reichweite

Die Erstausstrahlung erfolgte am 23. September 2007 zur Primetime auf RTL. Die Reichweite lag bei 3,5 Millionen und damit deutlich unter dem Senderschnitt. Die Dokumentation Gefährliche Flucht in den Westen, die im Anschluss lief, kam auf einen etwas höheren Marktanteil.  

Rezensionen

Die Reaktion der Leitmedien war durchwachsen. Die Welt lobte die Requisiten und hielt fest, dass es Prager Botschaft schaffe, sich „von der schwer atmenden Weltgeschichte weitgehend zu emanzipieren“ und „kein nationales Hochamt“ zu zelebrieren. Stattdessen gehe es um Liebe, Freundschaft und Verrat. Die Detailtreue bis in die Nebenhandlungen sah auch die FAZ, die den Film als „populärpädagogisches Unternehmen ersten Ranges“ einordnete und die Figurenkonstellation – eine Frau zwischen zwei Männern – hervorhob. Trotzdem sei Prager Botschaft keine „Wiedervereinigungs-Soap“, sondern stehe für eine „Annährung durch Wandel“, Aussprache mit einbegriffen. Auch der Spiegel lobte die komplex angelegten Nebenfiguren. Der Film sei ein „glaubhaftes Melodram über menschliche Schicksale vor großer historischer Kulisse, wie es die öffentlich-rechtliche Konkurrenz in Zweiteilern nur selten“ hinbekomme. In einem zweiten Spiegel-Artikel ging es um die Feminisierung des Fernsehens. In Prager Botschaft entscheide die Figur Bettina Herfurth über Sinn und Unsinn der Geschichte und entlarve dabei den „Irrsinn der DDR“.

Der Tagesspiegel kritisierte dagegen, dass der Film an den falschen Stellen gespart habe. Es fehle ihm an Politik und Tiefe. Prager Botschaft verweigere sich „ernsten Erwägungen über Gehen und Bleiben“. Der Westen sei für die Menschen in der DDR „mehr als eine Himmelsrichtung“ gewesen. Manfred Riepe sprach in der Medienkorrespondenzvon „platter Emotionalisierung der Historie“. Prager Botschaft schaffe es nicht, die Original-TV-Bilder vom September 1989 lebendig werden zu lassen. Wichtigster Grund seien die Dialoge, die nicht überzeugen würden. Außerdem sei es nicht gelungen, die „beklemmende Situation im eingezäunten Botschaftsgarten in Bilder umzusetzen.“ Der Realismus von Regisseur Konermann sei in den Massenszenen zum Scheitern verurteilt, da das, „was dort ‚wirklich‘ geschah, sich der Darstellung“ entziehe und lediglich „in winzig kleinen Gesten“ getroffen werde.

Auszeichnungen

Prager Hoffnung wurde für den Prix Europa (2008) in der Kategorie Best TV-Fiction nominiert.  

Wissenschaftliche Aufarbeitung

Gerhard Jens Lüdeker hat sich mehrfach mit Prager Botschaft beschäftigt. Zunächst hat er am Beispiel dieses Films das Prinzip character-causality diskutiert. Wenn die Figuren an wichtigen historischen Ereignissen beteiligt sind, sieht es so aus, als ob sie den Verlauf der Geschichte prägen – und nicht umgekehrt (Lüdeker 2008). Anschließend hat er Prager Botschaft als Teil einer Reihe von Wendefilmen gesehen, die einen Erinnerungsdiskurs eröffnen würden, „in dessen Rahmen die DDR und ihre Repräsentanten als Täter in Erscheinung“ treten, „ während die Protagonisten stellvertretend für die Zivilbevölkerung als Opfer dargestellt“ werden (Lüdeker 2010: 253). Dieser Eindruck werde noch verstärkt, weil Bettina Herfurth für ihre Familie gegen das System kämpft und so auf Dramatik und Emotionalisierung setzt.

Diese Lenkung von Emotionen gegen die DDR hat Lüdeker (2015) später noch vertieft. Filme wie Prager Botschaft würden insbesondere nach dem Erfolg von Das Leben der Anderen (2006) einem bestimmten Muster folgen und ein kritisches DDR-Bild zeichnen. Zu diesem Muster gehören moralische Gegensätze zwischen Staat und Protagonisten, emotionale Wirkung, ein authentischer Eindruck und stereotype Charaktere, um den Film leichter zugänglich zu machen. Auch die Presse nehme solche Filme oft als realitätsnah wahr, da sie „weniger verklärend wirken als etwa die Ostalgie-Filme und im Grunde filmisch darstellen, was im gesellschaftlichen Diskurs mit dem Begriff Unrechtsstaatausgedrückt“ werde“ (Lüdeker 2015: 67).

Erinnerungsdiskurs

Im Zentrum von Prager Botschaft steht neben dem Drama um Bettina und Stephan der Vergleich beider deutscher Staaten. Die DDR ist dabei ein Ort der Unterdrückung und Überwachung, wo die Menschen daran gehindert werden, ein selbstbestimmtes Leben zu bestreiten, Freunde zu Feinden werden und als IM für die Stasi die Privatsphäre des Anderen verletzen. Ein Ort, der von den Menschen in der Botschaft so verachtet wird, dass sie es vorziehen, teilweise wochenlang in einem überfüllten Zeltlager auszuharren. Der Westen hingegen steht für Freiheit und demokratische Grundwerte und wird als Retter konstruiert, der die Menschen mit offenen Armen empfängt und alles daransetzt, dass sie nicht zurück in die DDR müssen. Die Einreiseerlaubnis wirkt dabei wie ein Befreiungsschlag. Der Fokus auf die DDR als Überwachungsstaat und der Täter-Opfer-Gegensatz zwischen Staat und Bevölkerung passen zum Erinnerungsmuster Diktaturgedächtnis (Sabrow 2009: 18).

Empfehlung

Empfehlung der Autorin

Prager Botschaft zeigt rund um das Liebesdrama von Bettina und Stefan, welche Strapazen die Menschen in der Prager Botschaft auf sich genommen haben, um die der DDR verlassen zu können. 

Literatur

Gerhard Jens Lüdeker: DDR-Erinnerung in gegenwärtigen deutschen Spielfilmen: Vom Dissens zum Konsens. In: Hans-Joachim Veen (Hrsg.): Das Bild der DDR in Literatur, Film & Internet. 25 Jahren Erinnerung und Deutung. Köln: Böhlau 2015, S. 59-80

Gerhard Jens Lüdeker: Leben im anderen Deutschland: Zur Konstruktion von Normalität und Abweichung im gegenwärtigen deutschen Wendefilm. In: Waltraud Wende, Lars Koch (Hrsg.): Krisenkino. Filmanalyse als Kulturanalyse: Zur Konstruktion von Normalität und Abweichung im Spielfilm. Bielefeld: transcript 2010, S. 251-270

Gerhard Jens Lüdeker: Von Stasi-Spitzeln, Dissidenten und Mauerwundern: Was weiß der gegenwärtige deutsche Fernsehfilm über DDR und Wiedervereinigung? Jahrestagung der Gesellschaft für Medienwissenschaft vom 2. bis 4. Oktober 2008

Martin Sabrow: Die DDR erinnern. In: Martin Sabrow (Hrsg.): Erinnerungsorte der DDR. München: C. H. Beck 2009, S. 11-27

Empfohlene Zitierweise

Prager Botschaft. In: Daria Gordeeva, Michael Meyen (Hrsg.): DDR im Film 2022, https://ddr-im-film.de/de/film/prager-botschaft